Freunde aus Feindesländern

16 Jan

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Zwischen ihren Heimatnationen droht Krieg. Doch in Berlin haben junge linke Israelis und Iraner gemeinsam eine politische Gruppe gegründet: gegen die Kriegsrhetorik ihrer Regierungen in Nahost

Im vergangenen September lieferten sich die Regierungschefs von Israel und dem Iran ein Wortgefecht vor der Vollversammlung der UNO in Manhattan. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sprach von einem „Konflikt zwischen der Moderne und dem Mittelalter“. Und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad von „anhaltender Bedrohung durch den unzivilisierten Zionismus“. Konfliktrhetorik. Säbelrasseln.

Das Café Commune in Kreuzberg ist 6 000 Kilometer vom Sitz der Vereinten Nationen entfernt – politisch liegen in diesem speziellen Fall jedoch Welten zwischen beiden Orten.

Auch in Kreuzberg reden Israelis und Iraner über den Konflikt. Nur eben, und das ist der große Unterschied: miteinander.

Denn in Berlin haben sich junge Leute aus beiden Ländern zum Iranian-Israeli Circle (Iranisch-Israelischer Kreis) zusammengetan, der sich „gegen Krieg, Sanktionen, Besatzung und staatliche Unterdrückung“ wendet. Sie sagen von sich, weltweit der einzige derartige Kreis zu sein.

Wenn sich die Berliner Studenten Avner Ofrath aus Israel und Pazhareh Heidari aus dem Iran zusammen mit ihren Freunden in diesem Café treffen, treibt sie gleichfalls die Sorge um einen Krieg um. Doch nach ihrer Meinung profitieren gerade Netanjahu und Ahmadinedschad von der Kriegsgefahr: „Dieser sogenannte Konflikt ist in Wirklichkeit ein gemeinsames Interesse von beiden Regierungen, um von Unterdrückung und sozialen Problemen im eigenen Land abzulenken“, sagt zum Beispiel Ofrath.

Ein Dutzend junger Aktivisten – je zur Hälfte aus dem Iran und aus Israel – treffen sich alle paar Wochen in dem ausgeprägt linken Kreuzberger Café. In einem Hinterzimmer mit einer roten Tapete an der Wand diskutieren sie und planen Aktivitäten. Wenn sie auf die Straße gehen, dann mit Flugblättern auf Hebräisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Damit möglichst viele auch tatsächlich ihre Botschaft verstehen.

Es ist ja nicht so, dass alles daran völlig unumstritten wäre. Das kann bei einem derartigen Minenfeld wie dem Nahostkonflikt vielleicht auch gar nicht anders sein.

Ein Israeli geht auf die Straße

Der 26-jährige Avner Ofrath steht im kalten Nieselregen an einem grauen Novembertag vor dem Brandenburger Tor. An diesem Tag demonstrieren 50 Personen vor der amerikanischen Botschaft gegen beide Präsidentschaftskandidaten: den demokratischen Amtsinhaber Barack Obama und seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney. „Wir wollen beide Kandidaten daran erinnern, dass es unsere Leben sind, die sie gerade zum Stimmenfang verwenden“, ruft Ofrath auf Englisch ins Mikrofon. Seine Zuhörer sind Friedensaktivisten, einige von den seinerzeit vor dem Brandenburger Tor für Asylrechte protestierenden Flüchtlingen, die auch ein Grußwort auf Persisch halten, und jede Menge Touristen.

Warum ist Ofrath ausgerechnet nach Berlin gekommen? „Genau wusste ich es auch nie“, sagt der gebürtige Jerusalemer einige Tage später beim Gespräch mit dem tip im Café Commune. Mit seinem dunklen Strickpulli, seiner dicken Brille und seinem hebräischen Akzent, der manchmal fast wienerisch klingt, gibt Ofrath das perfekte Bild eines kosmopolitischen Intellektuellen ab, der in verschiedenen Sprachen über Philosophie streiten kann.

Schon in der Schule war er in linksliberalen Bewegungen aktiv gewesen, sammelte Unterschriften, schrieb Artikel für die linksliberale Zeitung „Haaretz“. Ofrath sagt: „Als ich im Jahr 2008 studieren wollte, sah es an den israelischen Universitäten düster aus.“ Die Professoren hatten drei Monate lang gestreikt, es ging um seit Jahren nicht erhöhte Gehälter. Ofrath machte sich auf den Weg nach Berlin, wo er nach einem Deutsch-Intensivkurs ein Geschichtsstudium an der Freien Universität aufnehmen konnte.

Schließlich hatte er bereits als Kind auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, denn seine Großmutter kam aus Berlin, bevor sie in den 30er-Jahren vor den Nazis nach Palästina floh. Daheim in Israel, sagt Ofrath, habe er nicht als politisch Radikaler gegolten. Im Gegensatz zu manchen Bekannten hat er beispielsweise den Wehrdienst nicht verweigert, obwohl er sich nicht gerade ein Leben als Soldat ersehnte. „An meinem letzten Tag als Zivilist habe ich geheult“, erzählt er. Weil er eine Sehschwäche hat, taugte er nicht für den Dienst an der Waffe. Stattdessen war er drei Jahre lang beim Radiosender der Armee.

In Deutschland ist Ofrath politisch aktiver geworden – nicht nur wegen seines Studiums und auch nicht, weil das Leben als „Expat“ einem „eine gewisse Ruhe“ zum Nachdenken gibt. „Erst in Berlin wurde mir klar, wie es sich anfühlt, in einer Minderheit zu sein. Das veränderte meinen Blick auf die palästinische Minderheit in Israel“, sagt er. „Ich war schon immer empört darüber, wie sie diskriminiert werden, aber nun konnte ich es fühlen und nicht nur denken.“ Dieses neue Gefühl der Solidarität, so erzählt Avner Ofrath, habe ihn dazu gebracht, öfter auf die Straße zu gehen. Und kürzlich hat sogar sein ehemaliger Arbeitgeber, das Armee-Radio, über seine Gruppe berichtet.

Eine Iranerin mag kein Mitleid

„Du warst bei der Armee?“, unterbricht ihn die Iranerin Pazhareh Heidari und lacht, während Ofrath im Café Commune erzählt.

In Israel kann ein Attest vom Psychologen reichen, um vom Dienst befreit zu werden. Im Iran muss man sich für viel Geld freikaufen. In Israel müssen auch Frauen zwei Jahre dienen. Im Iran werden nur Männer eingezogen. „Manchmal liebe ich Sexismus!“, lacht die 29-jährige Heidari sarkastisch.

Mit 17 Jahren kam sie nach Deutschland, jetzt steht sie kurz vor dem Abschluss ihres Maschinenbau-Studiums an der Technischen Universität. „Ich baue die Bombe“, sagt Heidari. Dann lacht sie wieder auf.

Man muss mehrfach nachfragen, ehe Pazhareh Heidari erzählt, weshalb sie den Iran verlassen hat. Es ist eine Geschichte, die nicht so recht zu ihrer lebensfrohen Art passen will. Sie bittet deshalb darum, diese nicht aufzuschreiben: „Ich will nicht, dass Leute Mitleid haben. Ich habe mich nie in einer Opferrolle gesehen, ich habe immer gekämpft.“

Nur so viel dazu: Noch als Minderjährige sei sie als Asylsuchende in Deutschland angekommen, erzählt Heidari. „Die ersten zwei Jahre verbrachten wir in einem Asylheim bei Frankfurt – zum Glück nur 30 Minuten mit dem Zug von der Stadt entfernt.“

Sie begann in Frankfurt als Kellnerin zu arbeiten – ein Verstoß gegen die Asylgesetze –, damit sie sich einen Deutschkurs leisten konnte. „Jeden Tag musste ich gegen die Residenzpflicht verstoßen, um zum Deutschkurs und später zum Abendgymnasium zu gehen.“ Noch während der Schulzeit bekam sie dann aber die Anerkennung als Flüchtling, womit sie dann legal ihr Abitur machen konnte. Bereits in dieser Zeit organisierte sie gegen den Irak-Krieg eine AG an der Schule und für eine große Friedensdemonstration zwei Busse nach Berlin.

Es waren jedoch Demonstrationen in ihrer Heimat, die ihr Leben verändern sollten: die Grüne Bewegung im Jahr 2009, die als eine Art Vorbote der arabischen Rebellionen gilt. „Zum ersten Mal seit der islamischen Revolution von 1979 gab es Hoffnung“, sagt Heidari. Millionen Menschen gingen damals gegen den Wahlbetrug des Mullah-Regimes auf die Straße – und nach der blutigen Niederschlagung kamen nicht wenige von ihnen nach Berlin. „Das Café Kotti“, eine weitere linke Location in der Nähe, „ist an den meisten Abenden voller Iraner“, erzählt sie.

Auch Pazhareh Heidari ist 2010 an die Spree gezogen, wo sie an vielen Protesten – und nicht nur mit Bezug zum Iran – teilnahm. So hielt sie beim Transgenialen Christopher Street Day im Sommer 2011 in Kreuzberg – einer antikommerziellen Alternative zur offiziellen Schwulenparade – eine Rede über die Situation von Homosexuellen im Iran. Dabei lernte sie auch den israelischen Anarchisten Boaz Lev kennen, der aus der Queer-Bewegung in Israel kommt.

Ein Anarchist hört Stimmen

Boaz Lev ist 26 Jahre alt und Student an der Humboldt-Universität. Mit seinem runden Gesicht und dem verschmitzten Lachen sieht er nicht aus, wie man sich einen Anarchisten gemeinhin vorstellt. Doch seit Jahren ist er ein strikter Gegner der israelischen Besatzungspolitik. Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht im tip lesen. Als er einmal von Berlin aus mit seiner Mutter telefonierte, habe ihn eine fremde Stimme unterbrochen und seine Nummer wissen wollen, erzählt er. „Wer sind Sie?“, sei seine Gegenfrage gewesen. Antwort: „Ich bin von der Telefongesellschaft und wir machen nur eine Kon­trolle.“ Später ging die renommierte israelische Journalistin Amira Hass, die Lev kontaktiert hatte, der Sache nach – die Telefongesellschaft macht so was natürlich nicht. llerdings ist Boaz Lev auch in der linken Szene Berlins nicht unumstritten – wegen der Sorge in Teilen davon, Kritik am Staate Israel könnte in Antisemitismus umschlagen.

Schon als Minderjähriger in Jerusalem hatte Lev als Mitglied der Gruppe Anarchisten gegen die Mauer versucht, die Zaunanlage rund um die palästinensischen Gebiete symbolisch zu beschädigen. Auf einen seiner Kumpels habe die israelische Armee damals sogar geschossen.

Nach dem Transgenialen Christopher Street Day liefen sich Pazhareh Heidari und Lev immer wieder bei Demonstrationen über den Weg. Als israelische Aktivisten im Frühjahr 2012 vor der Botschaft gegen den Verkauf von deutschen U-Booten an ihr Land demonstrieren wollten, hatte irgendjemand die Idee, dass es ein gutes Zeichen wäre, wenn ein paar Iraner zusammen mit den Israelis gegen den Waffendeal protestieren würden. Über persönliche Kontakte von der Uni kam ein erstes Treffen im April zustande. Es war sozusagen der Gründungsimpuls für den Iranisch-Israelischen Kreis.

Danach wollte eine große Mehrheit gleich auf die Straße gehen. Für den 5. Mai organisierte der neu gegründete Kreis eine Demonstration am Kottbusser Tor gegen Krieg und Sanktionen in Nahost, bei der rund 500 Menschen zusammenkamen.

Debatten und Gerüchte

Im vergangenen März, da war die Gruppe noch gar nicht gegründet, hatte es auf Facebook eine große Kampagne gegeben, bei der israelische Bürger erklärten: „Iraner, wir lieben euch, wir würden euer Land niemals bombardieren.“ Wenn man die Berliner fragt, ob sie etwas damit zu tun haben, klingen sie fast beleidigt. „Die Kampagne war sicherlich nicht böse gemeint“, sagt Boaz Lev, „aber ein bisschen naiv. Wir lieben uns zwar auch, aber für uns geht es in erster Linie nicht um Liebe, sondern um Widerstand.“

Ihre erste Demonstration im Mai blieb nicht unbeachtet, auch die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtete darüber. Aber der Aufruf dazu enthielt auch einige Argumentationen, die manch einer zumindest für diskussionswürdig, wenn nicht sogar pro­blematisch hielt. Da ist zum Beispiel von einem „nuklearen Hype“ die Rede und einem „Nein zu Sanktionen“ gegen den Iran, weil die nicht die Regierung, sondern die Bevölkerung treffen würden; auch von einem „Nein zum internationalen Beitrag zum Wettrüsten in der Region“, wobei konkret deutsche Waffenlieferungen an Israel kritisiert werden, das iranische Atomwaffenstreben allerdings allenfalls indirekt („Abbau aller nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen in der Region“) thematisiert wird, wie unter anderem auch einem Autor des Onlinemagazins „Telepolis“ auffiel. Und in der Zeitung „Jungle World“ waren Vorwürfe aus der Blogsphäre zu lesen, dass angeblich „Lobbyisten“ des Mullah-Regimes bei der Demonstration gesehen worden wären. Ein Vorwurf, den Pazhareh Heidari allerdings strikt von sich weist: „Wir sind doch alle linke Aktivisten!“, sagt sie. Sie habe aus dem Iran fliehen müssen – und keinerlei Sympathie für die islamische Republik.

In anderen Statements des Kreises ist dann in der Tat auch von einer „kriegstreiberischen Politik“, „totalitärer Repression“ und dem „Terror in dem Land“ durch das Teheraner Regime zu lesen.

In Nahost wäre so ein Kreis undenkbar

„Von unseren Familien und Freunden zu Hause wollen viele nicht verstehen, dass es in diesem Konflikt zwei Aggressoren gibt“, sagt Avner Ofrath, der Geschichtsstudent. Das Freund-Feind-Denken sei einfach zu stark. Aber trotz der permanent geschürten Angst vor dem Iran gäbe es auch viel Unzufriedenheit mit der israelischen Regierung. Im Jahr 2011 demonstrierten Hunderttausende Israelis gegen steigende Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit.

Jedenfalls ist in Berlin eine Gruppe entstanden, wie sie in den Herkunftsländern ihrer Teilnehmer undenkbar wäre. Der Israeli Lev sagt: „In Israel ist der Kontakt zu ‚feindlichen Agenten‘ verboten, und dieses Gesetz wurde schon gegen Aktivisten von sozialen Bewegungen angewendet.“ Und die Iranerin Heidari erklärt: „In unseren Pässen steht extra, dass wir nicht nach Israel reisen dürfen beziehungsweise nicht in das besetzte Palästina, denn nicht mal der Name Israel darf offiziell im Iran verwendet werden.“

Die Botschaften beider Länder in Berlin reagierten nicht auf Anfragen des tip zu der Gruppe.

Dass sich ein derartiger Kreis ausgerechnet in Berlin formierte, hat auch einen anderen Grund: Lebenshaltungskosten. „Reiche Iraner, die auswandern wollen, ziehen nach Los Angeles oder Paris“, erklärt Pazhareh Heidari. So landen weniger Wohlhabende und nicht zuletzt auch eher links tendierende Auswanderer aus dem Iran und aus Israel in Berlin. „Es sind doch alles unpolitische Spießer!“, sagt Avner Ofrath über seine Landsleute in der Stadt. Boaz Lev widerspricht nicht, doch er ergänzt: „Sie sind unpolitisch, aber trotzdem eher linksliberal und wenig religiös.“

Tatsächlich seien sie nur einmal bei einer Kundgebung von Israelis angefeindet wurden, erzählt Lev: „Und das waren Touristen.“

Text: John Riceburg
Fotos: Oliver Wolff

israelis-iranians-against-war.blogspot.de

Source: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/einzigartig-deriranian-israeli-circle-berlin

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