Yok: Erlebnisse eines Kutschers

6 May

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Früher lief er am 1. Mai mit einer schwarzen Maske durch Kreuzberg, als Quetschenpaua sang er seine Kampfeslieder. Jetzt fährt Yok seit 15 Jahren Taxi. Die Erlebnisse des “links­radikalen Kutschers” gibt es nun auch als Buch

“Schön, einen deutschen Taxifahrer zu haben!” Ein Berliner Kutscher, der nicht auf den ersten Blick wie ein Migrant aussieht, bekommt solche Bemerkungen öfter zu hören. Diesmal ist es dafür aber das völlig falsche Taxi. “Wieso?”, fragt nämlich dieser Fahrer, “ich bin doch Schwarz­afrikaner.” Dann ist der Fahrgast meist erst mal stumm. Denn der Herr mit den fröhlichen Augen und kurzen grauen Haaren, der am Steuer sitzt, war früher mal Hausbesetzer und links­autonomer Aktivist. Ein West-Berliner “Chaot”, wie das gemeinhin genannt wird. Aber neben schwarzen Klamotten trug er auch ein Akkordeon und eine Ukulele. Als “Quetschenpaua” hatte er Anfang der 90er-Jahre sogar einen Szenehit, in dem er vom Traum erzählte, den ganzen Kurfürstendamm abzufackeln. “Q-damm’s börnin’” wird bis heute auf Partys der Antifa lautstark mitgesungen.

Doch seit 15 Jahren arbeitet Yok, wie er sich nennt, nun als Taxifahrer: “Ich wollte nicht mehr davon abhängig sein, kreativ sein zu müssen.” Das erzählt er während der Fahrt. Zu Quetschenpauas beiden Abschiedskonzerten kamen 1994 fast 1 500 Leute. Musik macht er trotzdem weiterhin. Immer mal wieder. Als Taxifahrer kann er sein Geld mit einem relativ lockeren Stundenplan verdienen – und so sich leisten, sein neues Album kostenlos in den Berliner Anarchokneipen BAIZ und Syndikat vorzustellen. Bei Flüchtlingsprotesten am Brandenburger Tor oder in der besetzten Schule in der Ohlauer Straße tritt er sowieso zur Unterstützung auf. Nun hat er auch noch ein Buch geschrieben. In “Punkrocktarif” erzählt Yok 50 Geschichten aus dem Leben eines “linksradikalen Kutschers”. Mit vielen Leuten hat er so diskutiert, mit denen ein autonomer Hausbesetzer sonst eher selten ins Gespräch kommt.

So bringt er einmal eine Tasche zurück zum Flughafen, die ein gut gekleideter ausländischer Mann dort im Taxi vergessen hatte. Yok will 50 D-Mark für die Fahrt verlangen (die Geschichte ist etwas älter). Aber bevor er mit der Verhandlung beginnen kann, legt der ältere Herr kurzerhand 1 000 US-Dollar auf den Sitz. Auch gut. Viele Jahre später, im Buch, fragt sich Yok, mit dem er es damals zu tun hatte: “Mafia? Diplomaten? Investmentterroristen? Politiker? Auftragskiller? Oder nur ganz normale kriminelle Immobilienmakler?” Bei einer Lesung vor einigen Wochen im Wedding ist jeder Platz belegt und junge Leute mit Zigaretten und Dreadlocks stehen auch noch vor dem Eingang, wo sie zumindest jedes zweite Wort mitbekommen. In seinen Geschichten geht es um den Einsatz gegen Nazis und Rassisten – aber Yok predigt nicht nur militanten Widerstand, sondern auch einen lustigen Umgang mit der Ungerechtigkeit.

Bei ihm gibt es einen schnellen Tritt auf die Bremse und einen Rauswurf, wenn Leute im Taxi über “Kanaken” schimpfen. Fragen, die er für dumm hält, erfordern eine noch dümmere Antwort. Beispielsweise: Ob er in Neukölln Angst habe. “Nein, ich bin schwer bewaffnet – und sonst gibt es noch den Schleudersitz.” Und wenn ein Fahrgast sich eben darauf freut, endlich einen deutsch aussehenden Fahrer zu haben, bekommt er eine politische Diskussion zurück: Warum sollten Deutsche besser Taxi fahren? Dann schwindet erfahrungsgemäß die Debattierlust schnell. Und Yok sagt: “Na, siehste, du hast mich als Deutschen extra ausgesucht und nun hast du schlechte Laune!” Nach zwei Stunden Lesung im Wedding sagt er “Tschüss!”, steigt ins Taxi und fährt wieder eine Schicht – neue Geschichten sammeln.

So locker war Yok nicht immer. “Früher fand ich bestimmt 95 Prozent der Leute scheiße”, erinnert er sich an die Zeiten, in denen er mit einer schwarzen Maske am 1. Mai in Kreuzberg unterwegs war. “Wenn wir auf einer Demo waren, da sah ich ganz normale Leute in einer Kneipe mit ihrem Bier, und die fand ich auch scheiße, weil sie nicht mitdemonstriert haben.” Anfang der 90er-Jahre war er ununterbrochen in Berlin und Umgebung im “Kampf gegen Nazis” unterwegs. Wirklich entspannter wurde er dadurch natürlich auch nicht. “Wenn du dich zum Beispiel für Flüchtlinge einsetzt, bekommst du Schicksale mit, die dich hart machen. Und du merkst, wie du ständig gegen politische Mauern rennst.” Irgendwann sagte ein Kumpel zu ihm: “Du hast deinen Humor verloren.”

Jetzt, kurz nach seinem 50. Geburtstag im Dezember des vergangenen Jahres, lacht er viel mehr. Er distanziert sich gar nicht von seinen früheren Texten, “aber ich will nicht so tun, als ob ich so brennen würde wie damals”. Er freut sich, wenn stattdessen jüngere Bands seine Lieder covern. Seine heutigen Texte sind nicht weniger links, aber etwas weniger konfrontativ als früher. So ist Yok Gegner der Gentrifizierung in Berlin. Mit alten Freunden war er dabei, als im Februar eine Familie in der Lausitzer Straße zwangsgeräumt wurde – er ist selbst schon vor zehn Jahren wegen steigender Mieten von Kreuzberg nach Neukölln gezogen. Aber statt einer Kampfparole wie “Yuppies raus” singt er in einem neuen Lied namens “Gentrifa”: “Auch Leute, die ich kenne, haben Eigentum erworben, sind deshalb nicht total scheiße oder völlig blöd geworden.” Wenn es um Gentrifizierung geht, kriegt man von Yok weniger Schlachtrufe als Selbstzweifel. Woran erkennt man überhaupt einen Yuppie? Und was kann man dagegen tun? “Mollys?”, fragt er, “oder vielleicht nur Flugblätter?” – “Boah, ey, kompliziert”, heißt es dann in seinem Refrain.

Sein Buch “Punkrocktarif” beschreibt auch große, kleine Momente menschlicher Wärme in Berlin. Wie Yok zum Beispiel eine sturzbetrunkene Seniorin, die kaum reden kann, von ihrer Eckkneipe zu ihrem Garten bringt. Oder wie er sich freut, wenn ältere Mitbürger aus Spandau ihm erzählen, dass man nur ungültig wählen sollte, um zu zeigen, dass man die “Klotzköpfe” der Politik ablehnt. So will Yok eine “Schnittstelle” sein – zwischen den jungen Leuten, die bei einer Zwangsräumung am liebsten irgendwas abfackeln, und den grauhaarigen Nachbarn, die mit friedlichen Mitteln protestieren. Verstehen kann er beide. Denn er ist selbst, wie er in einem etwas traurig klingenden Lied singt, “old but punk”.

Text: John Riceburg

Foto: Nics

Yok: “Punkrocktarif. Mit dem Taxi durch die Extreme Mitte” Verlag Gegen_Kultur, 10 €, pocketpunk.so36.net

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-lesungen-und-buecher/yok-erlebnisse-eines-kutschers

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