Archive | June, 2013

FUSION Festival: Holiday communism

23 Jun

FUSION-festival-@-Libertinus-flickr

Communism is dead! Long live communism! Beginning this Wednesday, June 26, upwards of 70,000 people will gather at a former Soviet military base two hours north of Berlin.

The Soviet Air Force disappeared 20 years ago, but their site has been taken over by a new kind of communism: there are still red flags and Cyrillic letters, but also art projects, left-wing politics and round-the-clock dancing. “Holiday communism” (Ferienkommunismus) means that people can experience a parallel society based on self-organization and freedom from discrimination for at least a few days a year. Welcome to the FUSION festival!

Rather than focussing on a few headliners (the festival programme isn’t even published beforehand), more than 20 stages and hangars showcase hundreds of musical acts from all over the world – including plenty of electro but also anything else you can imagine. There are also circus shows, theater, dance, cinema and, well, whatever the visitors organize themselves. What started as a gathering of a few hundred lefties in the mid-1990s has grown exponentially into a mid-size city. But the organizers, lovingly referred to as the “Central Committee”, have stuck to their principles: the whole event is non-profit, with proceeds going to improving the festival grounds and supporting left-wing youth culture.

Virtually all of the jobs are done by volunteers: the bars are run by a broad spectrum of left-wing groups, while visitors can work for six hours washing dishes or directing traffic in exchange for half of their ticket price. And instead of uniformed security guards, there are Antifa activists just waiting for a chance to stop racist or sexist behavior.

Tickets are only available by participating in an online raffle back in December of last year. More than twice as many people applied to get one of the 70,000 tickets, even though FUSION has never done any kind of advertising. What if you weren’t among the lucky? Then wait until next year! Until last year it was possible to get in for free in exchange for working 12 hours, but that program has been cancelled because the whole site is bursting at the seams.

The FUSION crew reminds us that many people suffered serious hand injuries last year trying to climb over the fence, which was certainly no fun for them. But there is a ray of hope! You can still get in on the last day, when the festival is clearing out: just show up at the “Embassy” (i.e. the entrance) on Sunday after 6am and for €20 you can stay until Monday. Communism is alive and kicking in Mecklenburg, and you can get a 24-hour-taste of it during your holiday.

FUSION festival, Thur Jun 27-Sun Jun 30 | Kulturkosmos Müritz e.V, 17248 Lärz. http://www.fusion-festival.de/

Source: http://www.exberliner.com/culture/music–nightlife/fusion-festival-holiday-communism/

Foto: Libertinus

Taksim am Kotti in Berlin

20 Jun

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In Kreuzberg demonstrieren Tausende ihre Solidarität mit den Protestierenden auf dem Taksim-Platz in Istanbul gegen die türkische Regierungspolitik. Darunter sind auch viele Frauen. Die sind nicht immer einer Meinung

„Hast du gehört, dass in der Türkei etwas Großes passiert?“, fragte jemand morgens beim Zähneputzen in einem Hostel in Prag. Es war der 1. Juni. Pinar (die ihren Nachnamen nicht im tip lesen möchte) war mit einer Gruppe türkischer Studenten, die ein Austauschsemester in Berlin verbringen, auf Wochenendausflug. Alle schauten sofort im Netz nach, doch in den türkischen Medien stand nichts über „etwas Großes“. Pinar sagt: „Auf Facebook und Twitter sahen wir dann, wie viele Menschen unterwegs waren.“

Demonstranten, die Bäume im zentralen Gezi-Park in Istanbul vor den Bulldozern retten wollten, waren von der Polizei brutal vertrieben worden. Über den Umbau der Stadt unter der Regierung von Recep Tayyip Erdogan – Mega-Flughafenbau, neue Brücke über den Bosporus, Gentrifizierung in großem Stil – gab es längst Unmut. Eine schnelle Folge von heftigerer Repression und größeren Mobilisierungen dagegen brachte beinahe das ganze Land in Bewegung.

Pinar blieb die ganze Nacht online, um die neuesten Infos zu erhalten. Zurück in Berlin, ging die 21-jährige Studentin der internationalen Beziehungen aus Ankara auf die erste Solidaritätsdemonstration, zu der eine andere Austauschstudentin über Facebook aufgerufen hatte. Dort lernte sie auch andere Kommilitonen der Freien Universität Berlin kennen, und eine Woche später kam die erste öffentliche Diskussionsrunde im Foyer vor der FU-Mensa zustande. Dutzende Studierende debattierten dort auf Englisch über die Proteste vom Taksim-Platz – und auch über die Frage, ob man denn von einem „Türkischen Frühling“ sprechen könne.

„Ich bin schockiert“, sagt Pinar, „dass Freunde, die früher nicht mal eine Unterschriftenliste unterschreiben wollten, nun auf Demos gehen und verhaftet und verletzt werden.“ Die Menschen hätten in den letzten Jahren Angst gehabt, die Regierung zu kritisieren. In der Türkei sitzen viele Journalisten und Studenten im Gefängnis. Die aktuelle Bewegung ist in Pinars Augen deswegen nicht rechts oder links, sondern einfach für die Freiheit: um selbst über den eigenen Körper bestimmen, draußen Alkohol trinken, in der Öffentlichkeit küssen zu dürfen.

Doch in Berlin ist es nicht zuletzt die politische Linke, die die Demos vorantreibt. Nach einer Woche hatte ein Bündnis linker Gruppen – türkischer und auch deutscher – eine Solidaritätsdemonstration in Kreuzberg mit über 5 000 Teilnehmern organisiert. Mit dabei: die Sozialarbeiterin Ece Yildirim. „Ich bin in eine politische Bewegung hineingeboren worden“, sagt die 26-Jährige. Ihr Vater, ein Gewerkschafter, flüchtete vor zwölf Jahren nach Berlin, nachdem er wegen politischer Tätigkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war („Gründung einer politischen Organisation zur Unruhestiftung“ hieß es offiziell). Ece zog wenige Jahre später nach. Seit fast zehn Jahren lebt sie in der deutschen Hauptstadt. Am Tag, als wir sie treffen, demonstriert sie am Kottbusser Tor.

Als Mitglied der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF auf Türkisch) beteiligt sich Ece Yildirim bei Weitem nicht zum ersten Mal an Aktionen für Menschenrechte in der Türkei. Doch auch sie habe es sehr überrascht, als die Auseinandersetzung um den Gezi-Park plötzlich Millionen auf die Straße trieb, sagt sie. „Das war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.“ Damit meint sie das Verbot von 1.-Mai-Demonstrationen am Taksim-Platz, den blutigen Kurdistan-Konflikt, den autoritären Kurs von Erdogans AKP-Regierung, von deren Wirtschaftsboom nur wenige profitierten, während Millionen von Hungerlöhnen leben müssten. „Die Leute wollen kein Land, in dem sie nicht mal ein Efes-Bier auf der Straße trinken dürfen“, sagt Ece Yildirim.

Für die Aktivistin handelt es sich bei den Protesten in der Türkei um eine breite Volksbewegung, bei der linke Gruppen einen wichtigen Beitrag leisten: „Die Leute am Taksim-Platz sagen, ohne die Linken wären wir verloren, denn sie haben mehr Erfahrung im Barrikadenkampf gegen die Polizei.“ Deswegen hält Ece Yildirim auch wenig vom Versuch, einen „unpolitischen“ Protest zu veranstalten: „Politik ist nicht wie ein Kleid, das du an- und ausziehen kannst, sondern eher wie deine Haut“, sagt sie.

Alle paar Tage finden nun am Kottbusser Tor große Demonstrationen statt, in der vergangenen Woche wurde dort auch ein Zelt aufgestellt, als Info-Anlaufpunkt. Die Selbstbezeichnung der Istanbuler Demonstranten als „çapulcu“ (Plünderer), in Umkehrung eines Schimpfwortes, das der türkische Ministerpräsident auf sie gemünzt hatte, ist aber auch in Berlin angekommen. Auf Schildern steht: „Ich tschapuliere!“

Doch während alle Aktivisten den breiten Charakter dieser Bewegung betonen, die verschiedene politische, nationale und religiöse Gruppen zusammenbringt, existieren noch tiefere politische – oder eben auch „unpolitische“ – Differenzen. Es ist nämlich keineswegs so, dass der Protest gegen Erdogan die Protestierenden einen würde.

Da ist zum Beispiel Tugba Scherfner. Sie gehört zu einer Gruppe von zehn, vielleicht 15 jungen Berlinern, die sich über Facebook zusammenfanden. „Wir gehören keiner politischen Vereinigung an“, erzählt die 27-jährige Mathematikstudentin, die als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin geboren wurde. „Wir haben nicht mal einen richtigen Namen.“ Dann setzt sie zur Bekräftigung hinzu: „Wir fragen nicht in unserer Runde, ob jemand links oder rechts ist.“ Deshalb sind Fahnen oder sonstige Werbung für politische Aktivisten bei der Gruppe unerwünscht. Die Gruppe versteht sich als Unterstützer der Bewegung #occupygezipark – das „gemeinsame Volk“ solle die Regierung zum Rücktritt zwingen.

Die Gruppe hat bisher in Kreuzberg zwei Sitzdemonstrationen organisiert, in der rund 500 Menschen Lieder gegen Erdogan sangen. „Uns geht es um die Ereignisse der letzten zehn Tage, nicht um die der letzten zehn Jahre“, erklärt eine Mitstreiterin. Deswegen rufen sie auch nicht zu den Demonstrationen auf, die Ece Yildirim und die linken Gruppen mitorganisiert haben – zu viele rote Fahnen sozialistischer Organisationen dort.

In Tugba Scherfners Gruppe wird türkisch gesprochen, aber die meisten haben einen besonderen Akzent. „Almançe“ (etwa: „Verdeutschte“) werden sie in der Türkei genannt, aber hier gelten sie allgemein als „Türken“. Dabei erhalten sie die meisten Informationen direkt über soziale Medien auf Türkisch und können nicht alles gleich übersetzen. Aber bei all ihren Aktionen halten sie hin und wieder Reden auf Deutsch, damit die deutschen Protestteilnehmer – „Wir sind die Kartoffelecke“, wie diese selbst scherzhaft sagen – auch etwas mitkriegen.

Derweil steht Ece Yildirim am Kottbusser Tor, wo schon die nächste Solidaritätskundgebung naht. Da bekommt sie eine SMS von ihrem Freund in Istanbul: „Mit vier Augen warte ich auf den Protest heute Abend.“

Die türkische Redewendung kann sie nicht ganz genau ins Deutsche übersetzen, aber ihr Freund ist auf jeden Fall gespannt. Ece, genauso wie Pinar und Tugba, ebenfalls. Zumindest das verbindet sie.

Text: John Riceburg
Fotos: Bastian Fischer

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/reportage-taksim-am-kotti-berlin

Obama and Berlin: The end of an affair

20 Jun

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Summer is beginning, but an affair is coming to a close. It all started almost five years ago: he came in the sweltering days of August 2008, and back then he knew how to make us scream with passion. Nearly 200,000 people came to get a glimpse of him at the Siegessäule, and he could push all our buttons. When he mentioned ending the war in Iraq, the crowd erupted in ecstasy. If anyone had been paying attention, he actually said he was going to send more troops to Afghanistan, but it’s hard to listen closely when you’re in love.

But that was long ago. Two elections later, the passion has withered. Today, Barack Obama spoke in front of the Brandenburg Gate. Why there? It’s a supposedly official backdrop for someone who is no longer just a candidate, but rather leader of the free world. But the real reason is more simple: any pro-Obama rally these days would look tiny compared to the Love Parade-style event of 2008. So play it safe: cart in the students of the German-American John F. Kennedy School and send invitations to the political elite. You can fill 4000 seats on the small side of the Gate without admitting that Obama couldn’t fill the Tiergarten even if he offered free MDMA.

Then again, no one can muster more than a shrug against Obama either. Hundreds of thousands of Berliners went out onto the streets against the wars in Iraq and Afghanistan – but that was back when George Bush the Lesser was in the White House. Now silver-tongued Obama is carrying on the legacy of bumbling W.: holding prisoners in Guantanamo without trial, killing foreigners and even US citizens with flying killer robots, persecuting whistle-blowers like Bradley Manning, and just about everything else people hated about his predecessor. But people are going to keep their frustration to themselves as long as he appears to be the “lesser evil”.

On Monday, up to 500 people demonstrated at the Brandenburg Gate, chanting “Give Obama a red card.” (In this country, it’s hard to express political opposition without soccer metaphors.) This was mostly the grey-haired legions of the old-school “peace movement”, protesting against drones being steered from a command centre on German territory, but they were also joined by younger people from Occupy. The crowd had plenty to criticise about Obama’s policies: from the blockade against Cuba to the continued imprisonment of Mumia Abu-Jamal and Leonard Peltier to a possible US intervention in Syria. But this wasn’t a “mass incident”, as the Chinese call it.

On Wednesday, the Pirate Party took a different angle, focussing on the US government’s worldwide surveillance of phone calls and e-mails. This was just revealed by a whistle-blower – but what did people think the NSA was up to, anyway? Hadn’t they seen Enemy of the State with Will Smith or The Simpsons Movie? Both films give a pretty accurate description of what many people assumed the “No Such Agency” had been doing since its foundation. Pirate Anke Domscheit-Berg told Spiegel Online: “Barack Obama seems to be afraid of the people. That fear is probably why he wants to spy on the people.” But why, really, would he be afraid of anyone if he can kill people with unmanned drones?

As Exberliner reported before the last elections, Berlin’s expat community has already cooled on Obama and the same goes for the native population. A rock star politician was going to change everything with the power of his rhetoric. But not much has changed, and the spark of love has gone out. Berlin has sunken into the ennui after break-up. That massive disappointment can almost make the unexciting but eminently reliable Merkel seem likable.

Quelle: http://www.exberliner.com/blogs/the-blog/obama-and-berlin-the-end-of-an-affair/

Foto: Matthias Winkelmann