Taksim am Kotti in Berlin

20 Jun

Tuerkei_c_BastianFischer

In Kreuzberg demonstrieren Tausende ihre Solidarität mit den Protestierenden auf dem Taksim-Platz in Istanbul gegen die türkische Regierungspolitik. Darunter sind auch viele Frauen. Die sind nicht immer einer Meinung

„Hast du gehört, dass in der Türkei etwas Großes passiert?“, fragte jemand morgens beim Zähneputzen in einem Hostel in Prag. Es war der 1. Juni. Pinar (die ihren Nachnamen nicht im tip lesen möchte) war mit einer Gruppe türkischer Studenten, die ein Austauschsemester in Berlin verbringen, auf Wochenendausflug. Alle schauten sofort im Netz nach, doch in den türkischen Medien stand nichts über „etwas Großes“. Pinar sagt: „Auf Facebook und Twitter sahen wir dann, wie viele Menschen unterwegs waren.“

Demonstranten, die Bäume im zentralen Gezi-Park in Istanbul vor den Bulldozern retten wollten, waren von der Polizei brutal vertrieben worden. Über den Umbau der Stadt unter der Regierung von Recep Tayyip Erdogan – Mega-Flughafenbau, neue Brücke über den Bosporus, Gentrifizierung in großem Stil – gab es längst Unmut. Eine schnelle Folge von heftigerer Repression und größeren Mobilisierungen dagegen brachte beinahe das ganze Land in Bewegung.

Pinar blieb die ganze Nacht online, um die neuesten Infos zu erhalten. Zurück in Berlin, ging die 21-jährige Studentin der internationalen Beziehungen aus Ankara auf die erste Solidaritätsdemonstration, zu der eine andere Austauschstudentin über Facebook aufgerufen hatte. Dort lernte sie auch andere Kommilitonen der Freien Universität Berlin kennen, und eine Woche später kam die erste öffentliche Diskussionsrunde im Foyer vor der FU-Mensa zustande. Dutzende Studierende debattierten dort auf Englisch über die Proteste vom Taksim-Platz – und auch über die Frage, ob man denn von einem „Türkischen Frühling“ sprechen könne.

„Ich bin schockiert“, sagt Pinar, „dass Freunde, die früher nicht mal eine Unterschriftenliste unterschreiben wollten, nun auf Demos gehen und verhaftet und verletzt werden.“ Die Menschen hätten in den letzten Jahren Angst gehabt, die Regierung zu kritisieren. In der Türkei sitzen viele Journalisten und Studenten im Gefängnis. Die aktuelle Bewegung ist in Pinars Augen deswegen nicht rechts oder links, sondern einfach für die Freiheit: um selbst über den eigenen Körper bestimmen, draußen Alkohol trinken, in der Öffentlichkeit küssen zu dürfen.

Doch in Berlin ist es nicht zuletzt die politische Linke, die die Demos vorantreibt. Nach einer Woche hatte ein Bündnis linker Gruppen – türkischer und auch deutscher – eine Solidaritätsdemonstration in Kreuzberg mit über 5 000 Teilnehmern organisiert. Mit dabei: die Sozialarbeiterin Ece Yildirim. „Ich bin in eine politische Bewegung hineingeboren worden“, sagt die 26-Jährige. Ihr Vater, ein Gewerkschafter, flüchtete vor zwölf Jahren nach Berlin, nachdem er wegen politischer Tätigkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war („Gründung einer politischen Organisation zur Unruhestiftung“ hieß es offiziell). Ece zog wenige Jahre später nach. Seit fast zehn Jahren lebt sie in der deutschen Hauptstadt. Am Tag, als wir sie treffen, demonstriert sie am Kottbusser Tor.

Als Mitglied der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF auf Türkisch) beteiligt sich Ece Yildirim bei Weitem nicht zum ersten Mal an Aktionen für Menschenrechte in der Türkei. Doch auch sie habe es sehr überrascht, als die Auseinandersetzung um den Gezi-Park plötzlich Millionen auf die Straße trieb, sagt sie. „Das war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.“ Damit meint sie das Verbot von 1.-Mai-Demonstrationen am Taksim-Platz, den blutigen Kurdistan-Konflikt, den autoritären Kurs von Erdogans AKP-Regierung, von deren Wirtschaftsboom nur wenige profitierten, während Millionen von Hungerlöhnen leben müssten. „Die Leute wollen kein Land, in dem sie nicht mal ein Efes-Bier auf der Straße trinken dürfen“, sagt Ece Yildirim.

Für die Aktivistin handelt es sich bei den Protesten in der Türkei um eine breite Volksbewegung, bei der linke Gruppen einen wichtigen Beitrag leisten: „Die Leute am Taksim-Platz sagen, ohne die Linken wären wir verloren, denn sie haben mehr Erfahrung im Barrikadenkampf gegen die Polizei.“ Deswegen hält Ece Yildirim auch wenig vom Versuch, einen „unpolitischen“ Protest zu veranstalten: „Politik ist nicht wie ein Kleid, das du an- und ausziehen kannst, sondern eher wie deine Haut“, sagt sie.

Alle paar Tage finden nun am Kottbusser Tor große Demonstrationen statt, in der vergangenen Woche wurde dort auch ein Zelt aufgestellt, als Info-Anlaufpunkt. Die Selbstbezeichnung der Istanbuler Demonstranten als „çapulcu“ (Plünderer), in Umkehrung eines Schimpfwortes, das der türkische Ministerpräsident auf sie gemünzt hatte, ist aber auch in Berlin angekommen. Auf Schildern steht: „Ich tschapuliere!“

Doch während alle Aktivisten den breiten Charakter dieser Bewegung betonen, die verschiedene politische, nationale und religiöse Gruppen zusammenbringt, existieren noch tiefere politische – oder eben auch „unpolitische“ – Differenzen. Es ist nämlich keineswegs so, dass der Protest gegen Erdogan die Protestierenden einen würde.

Da ist zum Beispiel Tugba Scherfner. Sie gehört zu einer Gruppe von zehn, vielleicht 15 jungen Berlinern, die sich über Facebook zusammenfanden. „Wir gehören keiner politischen Vereinigung an“, erzählt die 27-jährige Mathematikstudentin, die als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin geboren wurde. „Wir haben nicht mal einen richtigen Namen.“ Dann setzt sie zur Bekräftigung hinzu: „Wir fragen nicht in unserer Runde, ob jemand links oder rechts ist.“ Deshalb sind Fahnen oder sonstige Werbung für politische Aktivisten bei der Gruppe unerwünscht. Die Gruppe versteht sich als Unterstützer der Bewegung #occupygezipark – das „gemeinsame Volk“ solle die Regierung zum Rücktritt zwingen.

Die Gruppe hat bisher in Kreuzberg zwei Sitzdemonstrationen organisiert, in der rund 500 Menschen Lieder gegen Erdogan sangen. „Uns geht es um die Ereignisse der letzten zehn Tage, nicht um die der letzten zehn Jahre“, erklärt eine Mitstreiterin. Deswegen rufen sie auch nicht zu den Demonstrationen auf, die Ece Yildirim und die linken Gruppen mitorganisiert haben – zu viele rote Fahnen sozialistischer Organisationen dort.

In Tugba Scherfners Gruppe wird türkisch gesprochen, aber die meisten haben einen besonderen Akzent. „Almançe“ (etwa: „Verdeutschte“) werden sie in der Türkei genannt, aber hier gelten sie allgemein als „Türken“. Dabei erhalten sie die meisten Informationen direkt über soziale Medien auf Türkisch und können nicht alles gleich übersetzen. Aber bei all ihren Aktionen halten sie hin und wieder Reden auf Deutsch, damit die deutschen Protestteilnehmer – „Wir sind die Kartoffelecke“, wie diese selbst scherzhaft sagen – auch etwas mitkriegen.

Derweil steht Ece Yildirim am Kottbusser Tor, wo schon die nächste Solidaritätskundgebung naht. Da bekommt sie eine SMS von ihrem Freund in Istanbul: „Mit vier Augen warte ich auf den Protest heute Abend.“

Die türkische Redewendung kann sie nicht ganz genau ins Deutsche übersetzen, aber ihr Freund ist auf jeden Fall gespannt. Ece, genauso wie Pinar und Tugba, ebenfalls. Zumindest das verbindet sie.

Text: John Riceburg
Fotos: Bastian Fischer

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/reportage-taksim-am-kotti-berlin

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