Pinkstinks: Konzert gegen sexistische Werbung

31 Aug

Pinkstinks_barbiestand_c_Pinkstinks

Mit einem prominent besetzten Konzert gegen Sexismus in der Werbung bündelt der Verein Pinkstinks am 1. September am Brandenburger Tor den Protest gegen plakative Anzüglichkeiten auf der Straße

Pinkstinks_barbiestan„Warum hat die Frau keinen Kopf?“ Ein kleines Mädchen guckt verdutzt auf das Plakat, das auch für Erwachsene ziemlich verwirrend ist. Die Fischrestaurantkette Nordsee informiert: „Fisch macht sexy!“ Dahinter steht eine komplett nackte Frau, ihre Brüste bedeckt sie mit einer Hand, ihr Schoß wird praktischerweise vom Werbeslogan überklebt. Und wo ihr Kopf wäre, ist das Plakat zu Ende.

Die Geschichte mit dem kleinen Mädchen hat Stevie Meriel Schmiedel im tip-Gespräch erzählt. Schmiedel ist Deutsch-Britin, Hamburger Dozentin für Genderforschung – und Begründerin des Vereins Pinkstinks gegen einseitige Frauenrollenbilder in der Außenwerbung.

Jetzt fährt der Verein am Brandenburger Tor mit einer Demonstration und einem Konzert gegen Sexismus am 1. September so richtig was auf. Mit der Rapperin Sookee, der Sängerin Bernadette La Hengst und ihrem früheren „Hamburger Schule“-Kameraden Dirk von Lowtzow. Mit den „Aufschrei“-Twitterinnen Anne Wizorek und Kathy Meßmer. Mit Vertreterinnen vom feministischen „Missy“–Magazin. Mit den Grether-Zwillingen von Doctorella, die sich auch um den Slut-Walk verdient gemacht haben. Mit „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl. Und natürlich auch mit Stevie Schmiedel. Bei Pinkstinks heißt es im Vorfeld der Aktion, es wäre die weltweit erste Demo gegen Sexismus in der Werbung.

Ja, warum hat die nackte Frau denn keinen Kopf? Die grundlegende Botschaft sexistischer Werbung kann man vielleicht ungefähr so übersetzen: Wenn du „sexy“ sein willst, interessiert sich niemand für deinen Kopf. Nun könnte ein Anzugsträger aus einer „Mad Man“-haften Werbeagentur sicherlich erklären, dass das Nordsee-Plakat doch offensichtlich ironisch-übertrieben sei. Aber verstehen das auch kleine Mädchen? Laut einer Studie aus dem Jahr 2006, das steht auch auf der Pinkstinks-Website, fühlten sich seinerzeit 70 Prozent der 16- bis 17-jährigen Mädchen in ihrer Haut wohl. Sechs Jahre später waren es nur noch 47 Prozent. Was ist in der Zeit passiert? Unter anderem ist „Germany’s Next Topmodel“ im Jahr 2006 auf Sendung gegangen. Ob es einen Zusammenhang gibt? Der Deutsche Werberat leugnet jede Korrelation, aber Stevie Schmiedel – selbst Mutter zweier Töchter – sieht sehr wohl einen Zusammenhang zwischen den dürren Models im Fernsehen und der Zunahme von Magersucht, auch bei immer jüngeren Mädchen.

Schmiedel gründete vor einem Jahr, mit Inspiration aus Großbritannien, den Verein Pinkstinks in Hamburg. Erfolgreich protestierte sie gegen Bikini-Werbung von C&A und das rosa Überraschungsei für Mädchen. Der Verein bietet Vorträge in Schulen und Unis an. Es gibt ja auch reichlich zu tun.

In den U-Bahnen, an Gebäudeflächen, in Zeitschriften – überall in der Stadt werden leicht bekleidete junge Frauen abgebildet. Immer und immer wieder. Der DSL-Anbieter Alice warb vor wenigen Jahren mit einer Blondine, im roten Abendkleid, aber barfuß, die manchmal 100 Meter groß war – dabei war es mitunter recht schwer zu entschlüsseln, was die Firma Alice überhaupt verkaufen wollte.

PinkStinks_StevieAxeIn einer Plakatkampagne für das Axe-Deo schlang kürzlich eine nackte Frau ihre Beine um den Leib eines voll bekleideten Astronauten, verbunden mit Verheißungen wie der, Astronauten würden „das mit dem Verkehr“ regeln, oder dass sie „Geräte ohne Ende“ hätten. Slogans, die klingen, als wären sie von Rainer Brüderle inspiriert worden. Derartige Schlüpfrigkeiten muten arg abstrus an – und auch fürs männliche Zielpublikum ziemlich beleidigend.

Doch nicht nur bei pubertierenden Jungs könnte auf diesem -Wege die schlichte Vorstellung ins Unterbewusstsein drängen, dass die Frau genauso leicht erhältlich sein könnte wie das Deo-Spray. Ansonsten bliebe natürlich noch die Frage, wie man denn nun an so einen verdammten Astronauten-Anzug herankommt.

Die erwähnte Nordsee-Werbung gab es übrigens auch in einer männlichen Version mit einem – ebenfalls kopflosen – muskulösen Männerkörper, der ein schwer erreichbares Schönheitsideal verbreitet. Ist die Gleichberechtigung also erreicht? Halbnackte Männer in der Werbung sind nicht nur stark, sie gucken geradeaus mit entschlossenem Blick – während Frauen, die mitunter aussehen, als wären sie gerade einer Hungerkatastrophe entronnen, mit leicht gespreiztem Mund und gekrümmten Posen in die Ferne schauen und ihre sexuelle Verfügbarkeit zur Schau stellen.

„Früher war das Problem, dass die Models nicht wie normale Frauen aussahen“, erklärt Schmiedel. „Doch jetzt sehen nicht mal die Models wie Models aus.“ Dank Photoshop werden Schönheitsideale plakatiert, die rein biologisch unerreichbar sind. Auch das Topmodel Cindy Crawford musste erklären: „I wish I looked like Cindy Crawford!“ („Ich wünschte, ich würde so aussehen wie Cindy Crawford!“) Die Plakate-Cindy. Aber so sieht ja nun wirklich kein Mensch aus.

Dabei gibt es aber natürlich auch Karrieremöglichkeiten für Frauen, die vor einigen Jahrzehnten ganz undenkbar gewesen wären, von der deutschen Bundeskanzlerin bis zur – vielleicht in wenigen Jahren – US-Präsidentin. Franziska Sedlak von der Kampagne Occupy Barbie-Dreamhouse, die am Brandenburger Tor auch mit von der Partie ist, spricht von „immer komplexeren Rollenbildern“, die suggerieren, dass für eine steile Karriere ein stets gepflegtes Aussehen erwartet wird. Mit oder ohne Kindern.

Und deswegen steht auf der Kundgebung am 1. September die Forderung nach stärkeren Regeln für geschlechtsdiskriminierende Werbung im Mittelpunkt. Mit dabei ist die queerfeministische Berliner Rapperin Sookee, die jungen Mädchen sagen möchte: „Die Darstellungen, wie Jungs und Mädchen sein sollten, sind nur irgendwelche Ideen, die wir getrost doof finden können.“ Sookee empfiehlt das Mantra, „dass man okay ist, wie man ist, dass man keine blöden Produkte braucht, um sexy oder zufrieden zu sein“.

Und Dirk von Lowtzow ist dabei, weil er ein Problem mit „vorsintflutlichem Geschlechterdenken“ hat und Solidarität ausdrücken möchte: „Es kann sicherlich nicht schaden, wenn man seine Position als weißer männlicher Heterosexueller kritisch hinterfragt.“

Neben Musik wird es auch Redebeiträge von den Frauen des Twitter-Aufschreis, dem Bundesverband Frauennotruf und der Kampagne Occupy Barbie-Dreamhouse geben.

Am Tag darauf wird dann Pinkstinks in der Heinrich-Böll-Stiftung eine Petition an den Deutschen Werberat übergeben, in der gefordert wird, dass die Außenwerbung aus der Sicht von Kindern beurteilt werden müsse, da Kinder die sexistische Ironie nicht verstehen, sondern womöglich als tatsächliche Rollenbilder verinnerlichen.

Denn es ist ja nicht das einzige Problem, wenn nackte Frauen mitunter ohne Kopf auf Plakaten zu sehen sind.

Text: John Riceburg
Foto: Pinkstinks, Alicia-Kassebohm

Konzert und Demo gegen Sexismus in der Außenwerbung Motto: Come as you are: Vielfalt ist Schönheit! u.a. mit Stevie von Pinkstinks, Sookee, Anne Wizorek und Kathy Meßmer, das Amt für Werbefreiheit und gutes Leben, Bernadette La Hengst, Missy Magazine, Terre des Femmes und Bff Frauen gegen Gewalt e.V., Doctorella, Occupy Barbie Dreamhouse und Dirk von Lowtzow (Tocotronic). Direkt vor dem Brandenburger Tor. So 1.9., 15–17 Uhr.

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/pinkstinks-konzert-gegen-sexistische-werbung

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: