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Krauts und Rüben – English Comedy in Berlin

6 Jan

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Vor wenigen Jahren gab es eine Show pro Monat. Doch jetzt kann man ­täglich English Comedy in Berlin sehen. Ein Streifzug durch eine Szene, in der deutsche Berliner üben können, über sich selbst zu lachen – notgedrungen

Wedding, der Szenetreff Kikisol, ein Dienstagabend. Auf der Bühne steht ein junger Mann mit dünnem Schnauzbart und Schiebermütze. Er erzählt gerade, wie er auf dem Weg hierher einen Hipster in einer Bank gesehen und gedacht habe: “Oh Mann, der Bezirk geht den Bach herunter!” Aber dann hätte sich der Typ mit den altmodischen Klamotten und dem wüsten Vollbart zurück in seinen Schlafsack gelegt. Kein Hipster. Ein Obdachloser. Alles okay.

Lustiger Gag? Sicher. Noch lustiger ist es, wie ihn der Mann auf der Bühne, er heißt Stefan Danziger, tatsächlich erzählt. Nämlich auf Englisch. Obwohl er Deutscher ist. “On the way over here I saw a hipster guy – you know: with old clothes and a full beard – standing in a bank. Oh man, I thought, Wedding is going down the toilet! But then he got back in his sleeping bag. And I was like, whew, everything’s okay!” Das Publikum im Kikisol lacht hysterisch auf. Ein paar Dutzend junge Menschen, die auf Sofas, Stühlen und dem Boden sitzen. Studenten, Künstler, Touristen. Viele Expats. Ein sehr internationales Publikum.

Denn bei der Comedy-Show “The Nose”, immer dienstags im Künstlertreff am Nettelbeckplatz, läuft alles auf Englisch. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt einer vielfältigen Szene englischsprachiger Comedy in der deutschen Hauptstadt. Und sie wird immer größer. Ein Streifzug durch diese Szene ist ein überaus ungewöhnliches Vergnügen. Vielleicht kann man das ein bisschen mit Poetry-Slams vergleichen. Ohne ausgeschriebene Texte. Aber mit Peniswitzen.

Im Kikisol steht jetzt Perry Filippeos auf der Bühne, ein großer Schotte mit gigantischen Augenbrauen. Wenn er “p” und “o” in seinen Browser eintippe, so beginnt er, bekäme er als Vorschläge sowohl “Postbank” wie “Pornohub”: “Ich mache mir Sorgen, dass ich mir lieber schnell einen runterhole, als mich um meine finanzielle Situation zu kümmern.”

Jeden Tag eine Expat-Show

Vor fünf Jahren gab es eine einzige derartige Show pro Monat in Berlin. Jetzt findet sich fast jeden Abend irgendwo ein offenes Mi­kro. Zeitgleich mit “The Nose” läuft zum Beispiel dienstags eine Show in einem Rixdorfer Hinterzimmer, dem Sameheads in der Richardstraße. Ihr Name: “We are not Gemüsed”. Comedy im Siebenminutentakt. Mit Vollbart und Plastikbrille sieht Paul Salamone wie ein prototypischer arbeitsloser Grafikdesigner aus. Doch für seinen Nachtjob als “Gemüsed”-Unterhalter, gemeinsam mit seiner Kollegin Caroline Clifford, brennt der 36-jährige US-Amerikaner.

Kaum ist er vors Publikum gesprungen, hat er schon Gäste aus Österreich, Israel und Belgien anhand ihrer Akzente ausgemacht, sofort setzt es Witze über diverse nationale Klischees. Man kann das hier nicht aufschreiben, es würde ausgesprochen unanständig klingen. Aber live kommt es einem nicht chauvinistisch vor. Schließlich kriegen ja alle Nationalitäten ihr Fett weg.

Salamone wird später im Gespräch sagen, die Berliner Szene sei viel feministischer, queer-freundlicher und überhaupt toleranter als in den Hauptstädten der englischsprachigen Comedy, in New York, in London. Doch in Berlin kommen auch Themen zu Wort, über die Deutsche schwer lachen können. Wenn überhaupt. Geschmackssachen.

Zum Beispiel, wenn später am Abend im Sameheads Stephanie Tucci, eine jüdischstämmige Amerikanerin, erzählt, wie sie von Hipster-Freunden zu hören bekäme, sie sähe nicht cool genug aus. Sie solle sich tätowieren lassen oder die Haare abrasieren. “Ich weiß nicht”, antwortet sie. “Das ist so 1940!” Manchmal wirkt eine solche Show wie eine Selbsthilfegruppe für Neuberliner, die sich über falsche Vorstellungen der Touristen lustig machen. Ein ganz anderer Effekt stellt sich für die meist wenigen deutschen Berliner im Publikum ein. Wenn man plötzlich von den Neuberlinern aus dem Ausland den Spiegel vorgehalten bekommt. Wie die Amerikaner, die Briten die Deutschen sehen. Man lernt dann auch zwangsläufig, über sich selbst mitzulachen, mit all den anderen.

Wenn der Expats-Humor von einem Deutschen kommt, ist das natürlich noch eine zusätzliche Ironieschleife. An diesem Dienstagabend ist nämlich auch Stefan Danziger in Britz, der Mann mit der Schiebermütze und dem lockeren Tonfall des professionellen Stadtführers (“But please don’t say just: Führer”). Er beginnt so: “Ich bin ein deutscher Komiker – also immer sehr gut vorbereitet.” Heiterkeit im Hinterzimmer. Dann arbeitet sich Danziger auf Englisch mit dick aufgetragenem deutschem Akzent lustvoll durch viele deutsche Klischees.

Es sei ja bekannt, dass Deutsche an einer roten Ampel stehen blieben, auch wenn weit und breit kein Auto in Sicht sei. „Aber war die Mauer dann überhaupt nötig? Hätte man nicht einfach rote Ampeln aufstellen können, an denen die Ostberliner 28 Jahre lang gestanden hätten?“ Dann wäre einiges anders gelaufen. Ronald Reagan hätte gerufen: “Mr. Gorbatschow, schalten Sie auf Grün!” Dann sind Stefan Danzigers sieben Minuten vorbei. Die Show noch lange nicht.

Freude am eigenen Schaden

Ein Dienstag vor ein paar Wochen, nicht jedoch in einem Keller, sondern in einem „richtigen“ Comedy-Club: dem Kookaburra in Mitte. Der Beginn der “Gong Show” mit Tamika Campbell (die derzeit nicht im Programm des Clubs ist). “Das hier ist nicht wie in Deutschland”, sagt die schwarze Frau aus New York, die seit 15 Jahren in Berlin lebt, gleich zu Beginn ins Publikum hinein. “In Deutschland haben die Menschen Angst davor, dass sie die Gefühle der Comedians verletzen könnten.” Comedy auf Englisch funktioniere anders. Die Leute sollten buhen, wenn ihnen die Komiker nicht gefielen: “Denn nur so werden sie besser!” An diesem Abend tritt ein halbes Dutzend Comedians gegeneinander an. Nach dem Vorbild einer Fernsehserie aus den 70ern haut Campbell auf einen großen Gong, wenn Buhrufe kommen, dann ist der nächste Komiker dran. Zwei werden schon nach wenigen Minuten von der Bühne verjagt.

“Comedy ist eigentlich überall gleich”, glaubt Sanjay Shihora, Besitzer des Kookaburra. Seit 25 Jahren ist der gebürtige Inder im Geschäft. Er trat schon in London, Paris und Tokio auf, bevor er den Laden in Berlin-Mitte aufmachte. “Überall geht es um Schadenfreude.” Nur ist es bei englischsprachiger Comedy meist eben: die Freude am eigenen Schaden. Viele Gags sind voller brettharter Selbstironie, bis zum Anschlag. Freundlich ausgedrückt: Es gibt sehr viel selbstkritische Reflexion.

Da gilt dann auch die Faustregel: Wenn du einen Witz über schlechten Sex machst, muss es um deine eigene sexuelle Unfähigkeit gehen, nicht die anderer. Für Deutsche ist das ohnehin gewöhnungsbedürftig. Besonders aber für jene Lehrer der 60 Gymnasiasten aus der hessischen Provinz, die an diesem Abend ihre Klassenfahrt mit der “Gong Show” verschönern wollen. Schon in der Pause entscheiden sie: Alle Schüler müssen jetzt gehen. „Meine Kollegen und ich finden es ja gut,“ sagt eine Lehrerin, die nicht namentlich zitiert werden möchte, “aber was werden die Schüler erzählen, wenn sie wieder zu Hause sind?”

Das Publikum liebt Nazi-Witze

Zurück im Kikisol im Wedding. Wieder ein Deutscher. Georg Kammerer, Regiestudent aus Karlsruhe mit großem Bauch, langen Haaren und schwarzem Sakko, arbeitet sich auch gerade an dem bei den Expats beliebten Dauerthema der deutschen Nazi-Geschichte ab. “Schade, dass das Grundgesetz Angriffskriege verbietet”, ulkt er. “Denn Kriege anzufangen, ist ziemlich das Einzige, was wir wirklich gut können. Kriege zu gewinnen, ist natürlich eine andere Sache …” Der Witz hört sich auf Deutsch natürlich reichlich krude an. Auf English aber ist es der Brüller. Jedenfalls im Kikisol.

Kammerer hat noch nie in einem englischsprachigen Land gelebt, tritt aber nur auf Englisch auf, da seine Comedy-Vorbilder in erster Linie aus den USA kommen. Bei “The Nose” kann er auch locker sieben Minuten lang alle lustigen Details über eine Operation im Genitalbereich erzählen. Altersgerecht für die Zielgruppe. “Bei einer deutschen Comedy-Show wären hauptsächlich Menschen über 40”, sagt er im Gespräch mit dem tip. “Wie soll ich denen Witze über Sex auf Ecstasy erzählen?” Aber nicht nur das eher jugendliche Alter des Publikums unterscheidet eine deutsche von einer englischsprachigen Comedy-Show. Auch zum Beispiel die Trinkkultur. Die Amerikaner geben sich schon zu Beginn ordentlich die Kante. Deutsche sind, wenn überhaupt, erst am Ende betrunken. So können Letztere noch politischen Witzen folgen, während ein englischsprachiges Publikum in Bierlaune längst dreckige Witze fordert.

Aus Liebe zur Kunst

Wie gut ist die englischsprachige Comedy in Berlin wirklich? Paul Salamone, der “Gemüsed”-Moderator, glaubt, dass die hiesige Szene noch lange nicht auf dem Niveau von New York City oder London sei. “Wir machen es aus Liebe zur Kunst”, sagt er. Denn zurzeit könne niemand davon leben, deswegen sei die Atmosphäre locker. Bei jeder Show träfe man dieselben Leute, die sich gegenseitig ihre Fortschritte bei der Ausarbeitung ihrer Witze erzählten.

Aber mit dem Comedy-Angebot wächst auch die Nachfrage. Das sieht man zum Beispiel bei Shows mit offenem Mikro, offen für jegliche Talente. Bei den meisten muss man sich mittlerweile vorher anmelden, manchmal ist die Warteliste mehrere Wochen lang. Passun Ernesto Azhand, ein deutsch-afghanischer Comedian, ist ein Künstler aus der Szene, der auch im Quatsch Comedy Club auftritt. Dort mit deutschsprachiger Performance. “Auf Deutsch kannst du mehr verdienen”, sagt Azhand. “Aber auf Englisch lernst du mehr.”

Text: John Riceburg

Veranstaltungen, Orte, Termine

The Nose Kikisol, Reinickendorfer Straße 106, Wedding, jeweils Di, 20.30 Uhr, http://www.facebook.com/thenoseberlin

We are not Gemüsed Sameheads, Richardstraße 10, Neukölln,jeweils Di, 20.30, http://www.facebook.com/gemused

Comedy im Kookaburra Comedy Club Schönhauser Allee 184, Mitte, http://www.comedyclub.de; Veranstaltungen u. a.: “English Comedy Night” with

Kim Eustice and guests, jeden ersten Di im Monat; “Comedy Sportz” (Live improvised Show), jeden 2. und 4. Di im Monat

Weitere English-Comedy-Veranstaltungen

Buzz Club Lagari, Pflügerstraße 19, Neukölln, jeweils So, 21 Uhr, http://www.facebook.com/buzzclubberlin

The Neukölln Confessional Myxa Café, Lenaustraße 22, Neukölln, jeden letzten Mi im Monat, 20.30 Uhr, http://www.facebook.com/TheNeukollnConfessional

The Fish Bowl Naherholungssternchen, Berolinastraße 7, Mitte, jeden 2. Do im Monat, 20 Uhr, http://www.thefishbowl.de

Quatsch in English Quatsch Comedy Club, Friedrichstraße 107, Mitte, nächster Termin: Trevor Noah “The Racist”, Mi 15.1., 20 Uhr,

http://www.quatschcomedyclub.de/trevornoah

Alle Termine im Überblick (inlc. Podcasts) http://www.comedyinenglish.de

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit/krauts-und-ruben-english-comedy-in-berlin

Foto: Oliver Wolff

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Wir sagen mal Ja zum Beton

13 Nov

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Unterschriften gegen Neubauten am Tempelhofer Feld ­sammeln kann ja jeder. Aber dafür? Berlin braucht doch Wohnungen. Wir haben einen Selbstversuch gewagt

“Lobbykacke!” Das ruft uns ein dünner Herr mit grauen Haaren zu, als er mit dem Fahrrad vorbeirast. Vorbei an uns. Und unserem Plakat: “Feld bebauen – jetzt!” Der Mann will offenbar keine 5 000 neuen Wohnungen in Berlin. Selbst schuld.

Es ist ein strahlender Sonntag im Herbst, viele Menschen gehen vom Neuköllner Schillerkiez auf das Tempelhofer Feld. Am schmalen Tor stehen wir. Ein Journalist, seine Begleiterin, eine Unterschriftenliste und ein Banner, das ein befreundeter Grafiker gemacht hat: “Neue Landesbibliothek. 5 000 neue Wohnungen.”

So, wie es der Senat vorhat mit dem ehemaligen Flughafenareal. Dagegen will die Initiative 100 % Tempelhofer Feld bis zum Januar 174 000 Unterschriften für ein Volksbegehren gegen jegliche Bebauung am Feld sammeln. Dabei versicherte doch die stadteigene GmbH Tempelhofer Projekt per Pressemitteilung, der Senatsbauplan setze nur “Bürgerwünsche” um.

Wir sind heute hier, die Bürger zu diesen Wünschen zu suchen.

Ein paar Meter weiter steht eine Frau, die Unterschriften für das Volksbegehren sammelt. Gegen die Bebauung. Gegen uns. Sie guckt ein paarmal zu uns rüber. Was die wohl denkt?

Und die Bürger kommen. Mit Kinderwagen, Fahrrädern und Drachen. Viele lächeln, bieten gleich Unterschriften für unsere Liste an. Der schnelle Erfolg überrascht uns. Wir erklären nochmals unser Anliegen. Das ändert alles.”Waaaas?” Ihr seid für die Bebauung? Nicht dagegen?”

Dabei haben wir uns extra knallrot angezogen, um uns von den limettenfarbenen Jacken unserer Gegner abzuheben.

Nun aber trifft uns die geballte Verachtung der Bürger. “Nein, danke!” – “Das will ich nicht!” – “Tschüss!” Eine Dame mit Filzhut wütet gar: “Leuten wie Ihnen würde ich am liebsten eine runterhauen!” Dann schimpft sie noch über den “Schwachsinn” der “Investoren”. Immerhin siezt sie uns.

Die Frau von der Bürgerinitiative nebenan ist sehr freundlich. Sobald die Menschen sich entsetzt von uns abwenden, läuft sie ihnen hinterher und gibt ihnen die Gegenliste. Ihre Kollegin dagegen beschimpft uns: “Wer bezahlt euch denn?”

Aber so schnell geben wir nicht auf. Wir sind schließlich argumentativ voll auf Senatsebene. “Höchstens 15 Prozent des Feldes sollen bebaut werden”, erkläre ich einem Inlineskater, „da wird es immer noch eine riesige Freifläche in der Mitte geben!“ Zum Skaten braucht man doch nicht ganze 355 Hektar, oder? “Neue Wohnungen werden den Markt entlasten”, predigt meine Kollegin kurz darauf zwei jungen Männern. Und den nächsten Passanten versichere ich, als wäre ich Michael Müller persönlich: “Es sollen nicht nur Luxuswohnungen entstehen! Auf der Tempelhofer Seite wird auch bezahlbarer Wohnraum gebaut!” Die Leute gucken kurzzeitig interessierter. Bis wir zugeben, dass “bezahlbar” eine Kaltmiete von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter bedeutet. Wir können ja auch nichts dafür.

“Das kann man nur bezahlen, wenn man sich auf zwei Quadratmeter zusammenquetscht!”, sagt ein Fahrradfahrer. “Sozialbauwohnungen in öffentlicher Hand wären gut”, grübelt ein junger Mann, der ein bisschen bekifft wirkt. Andere schimpfen: “Berlin hat schon genug leer stehende Wohnungen!” Oder: “Es gibt genug Fläche für Neubau, wenn sie überall neue Baumärkte errichten können.”

Eine Stunde und einige Beleidigungen später geben wir auf. Unsere Bilanz: keine einzige Unterschrift für mehr Wohnungen. Die Ausbeute der Volksbegehren-Frau in dieser Zeit: 30.

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/Volksbegehren-Tempelhofer-Feld

Bild: Benjamin Pritzkuleit

Pinkstinks: Konzert gegen sexistische Werbung

31 Aug

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Mit einem prominent besetzten Konzert gegen Sexismus in der Werbung bündelt der Verein Pinkstinks am 1. September am Brandenburger Tor den Protest gegen plakative Anzüglichkeiten auf der Straße

Pinkstinks_barbiestan„Warum hat die Frau keinen Kopf?“ Ein kleines Mädchen guckt verdutzt auf das Plakat, das auch für Erwachsene ziemlich verwirrend ist. Die Fischrestaurantkette Nordsee informiert: „Fisch macht sexy!“ Dahinter steht eine komplett nackte Frau, ihre Brüste bedeckt sie mit einer Hand, ihr Schoß wird praktischerweise vom Werbeslogan überklebt. Und wo ihr Kopf wäre, ist das Plakat zu Ende.

Die Geschichte mit dem kleinen Mädchen hat Stevie Meriel Schmiedel im tip-Gespräch erzählt. Schmiedel ist Deutsch-Britin, Hamburger Dozentin für Genderforschung – und Begründerin des Vereins Pinkstinks gegen einseitige Frauenrollenbilder in der Außenwerbung.

Jetzt fährt der Verein am Brandenburger Tor mit einer Demonstration und einem Konzert gegen Sexismus am 1. September so richtig was auf. Mit der Rapperin Sookee, der Sängerin Bernadette La Hengst und ihrem früheren „Hamburger Schule“-Kameraden Dirk von Lowtzow. Mit den „Aufschrei“-Twitterinnen Anne Wizorek und Kathy Meßmer. Mit Vertreterinnen vom feministischen „Missy“–Magazin. Mit den Grether-Zwillingen von Doctorella, die sich auch um den Slut-Walk verdient gemacht haben. Mit „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl. Und natürlich auch mit Stevie Schmiedel. Bei Pinkstinks heißt es im Vorfeld der Aktion, es wäre die weltweit erste Demo gegen Sexismus in der Werbung.

Ja, warum hat die nackte Frau denn keinen Kopf? Die grundlegende Botschaft sexistischer Werbung kann man vielleicht ungefähr so übersetzen: Wenn du „sexy“ sein willst, interessiert sich niemand für deinen Kopf. Nun könnte ein Anzugsträger aus einer „Mad Man“-haften Werbeagentur sicherlich erklären, dass das Nordsee-Plakat doch offensichtlich ironisch-übertrieben sei. Aber verstehen das auch kleine Mädchen? Laut einer Studie aus dem Jahr 2006, das steht auch auf der Pinkstinks-Website, fühlten sich seinerzeit 70 Prozent der 16- bis 17-jährigen Mädchen in ihrer Haut wohl. Sechs Jahre später waren es nur noch 47 Prozent. Was ist in der Zeit passiert? Unter anderem ist „Germany’s Next Topmodel“ im Jahr 2006 auf Sendung gegangen. Ob es einen Zusammenhang gibt? Der Deutsche Werberat leugnet jede Korrelation, aber Stevie Schmiedel – selbst Mutter zweier Töchter – sieht sehr wohl einen Zusammenhang zwischen den dürren Models im Fernsehen und der Zunahme von Magersucht, auch bei immer jüngeren Mädchen.

Schmiedel gründete vor einem Jahr, mit Inspiration aus Großbritannien, den Verein Pinkstinks in Hamburg. Erfolgreich protestierte sie gegen Bikini-Werbung von C&A und das rosa Überraschungsei für Mädchen. Der Verein bietet Vorträge in Schulen und Unis an. Es gibt ja auch reichlich zu tun.

In den U-Bahnen, an Gebäudeflächen, in Zeitschriften – überall in der Stadt werden leicht bekleidete junge Frauen abgebildet. Immer und immer wieder. Der DSL-Anbieter Alice warb vor wenigen Jahren mit einer Blondine, im roten Abendkleid, aber barfuß, die manchmal 100 Meter groß war – dabei war es mitunter recht schwer zu entschlüsseln, was die Firma Alice überhaupt verkaufen wollte.

PinkStinks_StevieAxeIn einer Plakatkampagne für das Axe-Deo schlang kürzlich eine nackte Frau ihre Beine um den Leib eines voll bekleideten Astronauten, verbunden mit Verheißungen wie der, Astronauten würden „das mit dem Verkehr“ regeln, oder dass sie „Geräte ohne Ende“ hätten. Slogans, die klingen, als wären sie von Rainer Brüderle inspiriert worden. Derartige Schlüpfrigkeiten muten arg abstrus an – und auch fürs männliche Zielpublikum ziemlich beleidigend.

Doch nicht nur bei pubertierenden Jungs könnte auf diesem -Wege die schlichte Vorstellung ins Unterbewusstsein drängen, dass die Frau genauso leicht erhältlich sein könnte wie das Deo-Spray. Ansonsten bliebe natürlich noch die Frage, wie man denn nun an so einen verdammten Astronauten-Anzug herankommt.

Die erwähnte Nordsee-Werbung gab es übrigens auch in einer männlichen Version mit einem – ebenfalls kopflosen – muskulösen Männerkörper, der ein schwer erreichbares Schönheitsideal verbreitet. Ist die Gleichberechtigung also erreicht? Halbnackte Männer in der Werbung sind nicht nur stark, sie gucken geradeaus mit entschlossenem Blick – während Frauen, die mitunter aussehen, als wären sie gerade einer Hungerkatastrophe entronnen, mit leicht gespreiztem Mund und gekrümmten Posen in die Ferne schauen und ihre sexuelle Verfügbarkeit zur Schau stellen.

„Früher war das Problem, dass die Models nicht wie normale Frauen aussahen“, erklärt Schmiedel. „Doch jetzt sehen nicht mal die Models wie Models aus.“ Dank Photoshop werden Schönheitsideale plakatiert, die rein biologisch unerreichbar sind. Auch das Topmodel Cindy Crawford musste erklären: „I wish I looked like Cindy Crawford!“ („Ich wünschte, ich würde so aussehen wie Cindy Crawford!“) Die Plakate-Cindy. Aber so sieht ja nun wirklich kein Mensch aus.

Dabei gibt es aber natürlich auch Karrieremöglichkeiten für Frauen, die vor einigen Jahrzehnten ganz undenkbar gewesen wären, von der deutschen Bundeskanzlerin bis zur – vielleicht in wenigen Jahren – US-Präsidentin. Franziska Sedlak von der Kampagne Occupy Barbie-Dreamhouse, die am Brandenburger Tor auch mit von der Partie ist, spricht von „immer komplexeren Rollenbildern“, die suggerieren, dass für eine steile Karriere ein stets gepflegtes Aussehen erwartet wird. Mit oder ohne Kindern.

Und deswegen steht auf der Kundgebung am 1. September die Forderung nach stärkeren Regeln für geschlechtsdiskriminierende Werbung im Mittelpunkt. Mit dabei ist die queerfeministische Berliner Rapperin Sookee, die jungen Mädchen sagen möchte: „Die Darstellungen, wie Jungs und Mädchen sein sollten, sind nur irgendwelche Ideen, die wir getrost doof finden können.“ Sookee empfiehlt das Mantra, „dass man okay ist, wie man ist, dass man keine blöden Produkte braucht, um sexy oder zufrieden zu sein“.

Und Dirk von Lowtzow ist dabei, weil er ein Problem mit „vorsintflutlichem Geschlechterdenken“ hat und Solidarität ausdrücken möchte: „Es kann sicherlich nicht schaden, wenn man seine Position als weißer männlicher Heterosexueller kritisch hinterfragt.“

Neben Musik wird es auch Redebeiträge von den Frauen des Twitter-Aufschreis, dem Bundesverband Frauennotruf und der Kampagne Occupy Barbie-Dreamhouse geben.

Am Tag darauf wird dann Pinkstinks in der Heinrich-Böll-Stiftung eine Petition an den Deutschen Werberat übergeben, in der gefordert wird, dass die Außenwerbung aus der Sicht von Kindern beurteilt werden müsse, da Kinder die sexistische Ironie nicht verstehen, sondern womöglich als tatsächliche Rollenbilder verinnerlichen.

Denn es ist ja nicht das einzige Problem, wenn nackte Frauen mitunter ohne Kopf auf Plakaten zu sehen sind.

Text: John Riceburg
Foto: Pinkstinks, Alicia-Kassebohm

Konzert und Demo gegen Sexismus in der Außenwerbung Motto: Come as you are: Vielfalt ist Schönheit! u.a. mit Stevie von Pinkstinks, Sookee, Anne Wizorek und Kathy Meßmer, das Amt für Werbefreiheit und gutes Leben, Bernadette La Hengst, Missy Magazine, Terre des Femmes und Bff Frauen gegen Gewalt e.V., Doctorella, Occupy Barbie Dreamhouse und Dirk von Lowtzow (Tocotronic). Direkt vor dem Brandenburger Tor. So 1.9., 15–17 Uhr.

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/pinkstinks-konzert-gegen-sexistische-werbung

Taksim am Kotti in Berlin

20 Jun

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In Kreuzberg demonstrieren Tausende ihre Solidarität mit den Protestierenden auf dem Taksim-Platz in Istanbul gegen die türkische Regierungspolitik. Darunter sind auch viele Frauen. Die sind nicht immer einer Meinung

„Hast du gehört, dass in der Türkei etwas Großes passiert?“, fragte jemand morgens beim Zähneputzen in einem Hostel in Prag. Es war der 1. Juni. Pinar (die ihren Nachnamen nicht im tip lesen möchte) war mit einer Gruppe türkischer Studenten, die ein Austauschsemester in Berlin verbringen, auf Wochenendausflug. Alle schauten sofort im Netz nach, doch in den türkischen Medien stand nichts über „etwas Großes“. Pinar sagt: „Auf Facebook und Twitter sahen wir dann, wie viele Menschen unterwegs waren.“

Demonstranten, die Bäume im zentralen Gezi-Park in Istanbul vor den Bulldozern retten wollten, waren von der Polizei brutal vertrieben worden. Über den Umbau der Stadt unter der Regierung von Recep Tayyip Erdogan – Mega-Flughafenbau, neue Brücke über den Bosporus, Gentrifizierung in großem Stil – gab es längst Unmut. Eine schnelle Folge von heftigerer Repression und größeren Mobilisierungen dagegen brachte beinahe das ganze Land in Bewegung.

Pinar blieb die ganze Nacht online, um die neuesten Infos zu erhalten. Zurück in Berlin, ging die 21-jährige Studentin der internationalen Beziehungen aus Ankara auf die erste Solidaritätsdemonstration, zu der eine andere Austauschstudentin über Facebook aufgerufen hatte. Dort lernte sie auch andere Kommilitonen der Freien Universität Berlin kennen, und eine Woche später kam die erste öffentliche Diskussionsrunde im Foyer vor der FU-Mensa zustande. Dutzende Studierende debattierten dort auf Englisch über die Proteste vom Taksim-Platz – und auch über die Frage, ob man denn von einem „Türkischen Frühling“ sprechen könne.

„Ich bin schockiert“, sagt Pinar, „dass Freunde, die früher nicht mal eine Unterschriftenliste unterschreiben wollten, nun auf Demos gehen und verhaftet und verletzt werden.“ Die Menschen hätten in den letzten Jahren Angst gehabt, die Regierung zu kritisieren. In der Türkei sitzen viele Journalisten und Studenten im Gefängnis. Die aktuelle Bewegung ist in Pinars Augen deswegen nicht rechts oder links, sondern einfach für die Freiheit: um selbst über den eigenen Körper bestimmen, draußen Alkohol trinken, in der Öffentlichkeit küssen zu dürfen.

Doch in Berlin ist es nicht zuletzt die politische Linke, die die Demos vorantreibt. Nach einer Woche hatte ein Bündnis linker Gruppen – türkischer und auch deutscher – eine Solidaritätsdemonstration in Kreuzberg mit über 5 000 Teilnehmern organisiert. Mit dabei: die Sozialarbeiterin Ece Yildirim. „Ich bin in eine politische Bewegung hineingeboren worden“, sagt die 26-Jährige. Ihr Vater, ein Gewerkschafter, flüchtete vor zwölf Jahren nach Berlin, nachdem er wegen politischer Tätigkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war („Gründung einer politischen Organisation zur Unruhestiftung“ hieß es offiziell). Ece zog wenige Jahre später nach. Seit fast zehn Jahren lebt sie in der deutschen Hauptstadt. Am Tag, als wir sie treffen, demonstriert sie am Kottbusser Tor.

Als Mitglied der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF auf Türkisch) beteiligt sich Ece Yildirim bei Weitem nicht zum ersten Mal an Aktionen für Menschenrechte in der Türkei. Doch auch sie habe es sehr überrascht, als die Auseinandersetzung um den Gezi-Park plötzlich Millionen auf die Straße trieb, sagt sie. „Das war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.“ Damit meint sie das Verbot von 1.-Mai-Demonstrationen am Taksim-Platz, den blutigen Kurdistan-Konflikt, den autoritären Kurs von Erdogans AKP-Regierung, von deren Wirtschaftsboom nur wenige profitierten, während Millionen von Hungerlöhnen leben müssten. „Die Leute wollen kein Land, in dem sie nicht mal ein Efes-Bier auf der Straße trinken dürfen“, sagt Ece Yildirim.

Für die Aktivistin handelt es sich bei den Protesten in der Türkei um eine breite Volksbewegung, bei der linke Gruppen einen wichtigen Beitrag leisten: „Die Leute am Taksim-Platz sagen, ohne die Linken wären wir verloren, denn sie haben mehr Erfahrung im Barrikadenkampf gegen die Polizei.“ Deswegen hält Ece Yildirim auch wenig vom Versuch, einen „unpolitischen“ Protest zu veranstalten: „Politik ist nicht wie ein Kleid, das du an- und ausziehen kannst, sondern eher wie deine Haut“, sagt sie.

Alle paar Tage finden nun am Kottbusser Tor große Demonstrationen statt, in der vergangenen Woche wurde dort auch ein Zelt aufgestellt, als Info-Anlaufpunkt. Die Selbstbezeichnung der Istanbuler Demonstranten als „çapulcu“ (Plünderer), in Umkehrung eines Schimpfwortes, das der türkische Ministerpräsident auf sie gemünzt hatte, ist aber auch in Berlin angekommen. Auf Schildern steht: „Ich tschapuliere!“

Doch während alle Aktivisten den breiten Charakter dieser Bewegung betonen, die verschiedene politische, nationale und religiöse Gruppen zusammenbringt, existieren noch tiefere politische – oder eben auch „unpolitische“ – Differenzen. Es ist nämlich keineswegs so, dass der Protest gegen Erdogan die Protestierenden einen würde.

Da ist zum Beispiel Tugba Scherfner. Sie gehört zu einer Gruppe von zehn, vielleicht 15 jungen Berlinern, die sich über Facebook zusammenfanden. „Wir gehören keiner politischen Vereinigung an“, erzählt die 27-jährige Mathematikstudentin, die als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin geboren wurde. „Wir haben nicht mal einen richtigen Namen.“ Dann setzt sie zur Bekräftigung hinzu: „Wir fragen nicht in unserer Runde, ob jemand links oder rechts ist.“ Deshalb sind Fahnen oder sonstige Werbung für politische Aktivisten bei der Gruppe unerwünscht. Die Gruppe versteht sich als Unterstützer der Bewegung #occupygezipark – das „gemeinsame Volk“ solle die Regierung zum Rücktritt zwingen.

Die Gruppe hat bisher in Kreuzberg zwei Sitzdemonstrationen organisiert, in der rund 500 Menschen Lieder gegen Erdogan sangen. „Uns geht es um die Ereignisse der letzten zehn Tage, nicht um die der letzten zehn Jahre“, erklärt eine Mitstreiterin. Deswegen rufen sie auch nicht zu den Demonstrationen auf, die Ece Yildirim und die linken Gruppen mitorganisiert haben – zu viele rote Fahnen sozialistischer Organisationen dort.

In Tugba Scherfners Gruppe wird türkisch gesprochen, aber die meisten haben einen besonderen Akzent. „Almançe“ (etwa: „Verdeutschte“) werden sie in der Türkei genannt, aber hier gelten sie allgemein als „Türken“. Dabei erhalten sie die meisten Informationen direkt über soziale Medien auf Türkisch und können nicht alles gleich übersetzen. Aber bei all ihren Aktionen halten sie hin und wieder Reden auf Deutsch, damit die deutschen Protestteilnehmer – „Wir sind die Kartoffelecke“, wie diese selbst scherzhaft sagen – auch etwas mitkriegen.

Derweil steht Ece Yildirim am Kottbusser Tor, wo schon die nächste Solidaritätskundgebung naht. Da bekommt sie eine SMS von ihrem Freund in Istanbul: „Mit vier Augen warte ich auf den Protest heute Abend.“

Die türkische Redewendung kann sie nicht ganz genau ins Deutsche übersetzen, aber ihr Freund ist auf jeden Fall gespannt. Ece, genauso wie Pinar und Tugba, ebenfalls. Zumindest das verbindet sie.

Text: John Riceburg
Fotos: Bastian Fischer

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/reportage-taksim-am-kotti-berlin

Barbies Dreamhouse in Berlin: ein Pro und Contra

13 May

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Noch bevor das Barbie Dreamhouse hinter dem Alexa am 16. Mai seine Pforten öffnet, wurde Protest laut. Auch beim tip hat Barbie Freunde und Gegner.

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Als ich fünf war, sollte ich eine neue Regenjacke aus einem Katalog aussuchen. Es gab eine ganze Farbpalette, aber mir war sofort klar, welche es sein sollte: die pinke! Denn ich war – das muss klar gesagt werden – ein hässlicher, kleiner Junge und manchmal wollte ich auch schön und niedlich wirken. Meine Eltern waren verunsichert, gaben jedoch meinem Wunsch nach.

Das war aber ein paar Jahrzehnte vor der Pinkifizierung. Damals war die Klamotten­auswahl für Kleinkinder nicht auf Rosa mit Prinzessinnen oder Blau mit Spider-Man beschränkt. Solche Vorlieben entstehen nicht in den Köpfen der Kleinen, sondern in den Marketingabteilungen ­großer Konzerne, die ihren Umsatz steigern wollen. Während meine kleine Schwester damals meine alten Legos übernehmen konnte, müsste man jetzt ein neues – pinkes – Set für ein Mädchen kaufen.

Ich kann mir vorstellen, dass sich manche Kinder auf das rosafarbene Monstrum hinter dem Ale­xanderplatz freuen. Aber welche Rollenbilder werden mit dem temporären Bau transportiert? Dort steht Pink für Frauen – in Verbindung mit Backen, Sich-Schminken und Angestarrtwerden. Natürlich werden die Geschäftsmänner dahinter darauf hinweisen, dass es auch die Astronautin-Barbie gibt: Ja, Frauen können auch ins All fliegen – wenn sie gleichzeitig Cupcakes backen und ­Lippenstift tragen, wird damit suggeriert.

Deswegen werde ich auf die Demonstration gegen das Barbie Dreamhouse gehen. Vielleicht besorge ich mir dafür noch eine pinke Regenjacke.

Text: John Riceburg

Foto: Susan Schiedlofsky

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/barbies-dreamhouse-berlin-ein-pro-und-contra

Yok: Erlebnisse eines Kutschers

6 May

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Früher lief er am 1. Mai mit einer schwarzen Maske durch Kreuzberg, als Quetschenpaua sang er seine Kampfeslieder. Jetzt fährt Yok seit 15 Jahren Taxi. Die Erlebnisse des “links­radikalen Kutschers” gibt es nun auch als Buch

“Schön, einen deutschen Taxifahrer zu haben!” Ein Berliner Kutscher, der nicht auf den ersten Blick wie ein Migrant aussieht, bekommt solche Bemerkungen öfter zu hören. Diesmal ist es dafür aber das völlig falsche Taxi. “Wieso?”, fragt nämlich dieser Fahrer, “ich bin doch Schwarz­afrikaner.” Dann ist der Fahrgast meist erst mal stumm. Denn der Herr mit den fröhlichen Augen und kurzen grauen Haaren, der am Steuer sitzt, war früher mal Hausbesetzer und links­autonomer Aktivist. Ein West-Berliner “Chaot”, wie das gemeinhin genannt wird. Aber neben schwarzen Klamotten trug er auch ein Akkordeon und eine Ukulele. Als “Quetschenpaua” hatte er Anfang der 90er-Jahre sogar einen Szenehit, in dem er vom Traum erzählte, den ganzen Kurfürstendamm abzufackeln. “Q-damm’s börnin’” wird bis heute auf Partys der Antifa lautstark mitgesungen.

Doch seit 15 Jahren arbeitet Yok, wie er sich nennt, nun als Taxifahrer: “Ich wollte nicht mehr davon abhängig sein, kreativ sein zu müssen.” Das erzählt er während der Fahrt. Zu Quetschenpauas beiden Abschiedskonzerten kamen 1994 fast 1 500 Leute. Musik macht er trotzdem weiterhin. Immer mal wieder. Als Taxifahrer kann er sein Geld mit einem relativ lockeren Stundenplan verdienen – und so sich leisten, sein neues Album kostenlos in den Berliner Anarchokneipen BAIZ und Syndikat vorzustellen. Bei Flüchtlingsprotesten am Brandenburger Tor oder in der besetzten Schule in der Ohlauer Straße tritt er sowieso zur Unterstützung auf. Nun hat er auch noch ein Buch geschrieben. In “Punkrocktarif” erzählt Yok 50 Geschichten aus dem Leben eines “linksradikalen Kutschers”. Mit vielen Leuten hat er so diskutiert, mit denen ein autonomer Hausbesetzer sonst eher selten ins Gespräch kommt.

So bringt er einmal eine Tasche zurück zum Flughafen, die ein gut gekleideter ausländischer Mann dort im Taxi vergessen hatte. Yok will 50 D-Mark für die Fahrt verlangen (die Geschichte ist etwas älter). Aber bevor er mit der Verhandlung beginnen kann, legt der ältere Herr kurzerhand 1 000 US-Dollar auf den Sitz. Auch gut. Viele Jahre später, im Buch, fragt sich Yok, mit dem er es damals zu tun hatte: “Mafia? Diplomaten? Investmentterroristen? Politiker? Auftragskiller? Oder nur ganz normale kriminelle Immobilienmakler?” Bei einer Lesung vor einigen Wochen im Wedding ist jeder Platz belegt und junge Leute mit Zigaretten und Dreadlocks stehen auch noch vor dem Eingang, wo sie zumindest jedes zweite Wort mitbekommen. In seinen Geschichten geht es um den Einsatz gegen Nazis und Rassisten – aber Yok predigt nicht nur militanten Widerstand, sondern auch einen lustigen Umgang mit der Ungerechtigkeit.

Bei ihm gibt es einen schnellen Tritt auf die Bremse und einen Rauswurf, wenn Leute im Taxi über “Kanaken” schimpfen. Fragen, die er für dumm hält, erfordern eine noch dümmere Antwort. Beispielsweise: Ob er in Neukölln Angst habe. “Nein, ich bin schwer bewaffnet – und sonst gibt es noch den Schleudersitz.” Und wenn ein Fahrgast sich eben darauf freut, endlich einen deutsch aussehenden Fahrer zu haben, bekommt er eine politische Diskussion zurück: Warum sollten Deutsche besser Taxi fahren? Dann schwindet erfahrungsgemäß die Debattierlust schnell. Und Yok sagt: “Na, siehste, du hast mich als Deutschen extra ausgesucht und nun hast du schlechte Laune!” Nach zwei Stunden Lesung im Wedding sagt er “Tschüss!”, steigt ins Taxi und fährt wieder eine Schicht – neue Geschichten sammeln.

So locker war Yok nicht immer. “Früher fand ich bestimmt 95 Prozent der Leute scheiße”, erinnert er sich an die Zeiten, in denen er mit einer schwarzen Maske am 1. Mai in Kreuzberg unterwegs war. “Wenn wir auf einer Demo waren, da sah ich ganz normale Leute in einer Kneipe mit ihrem Bier, und die fand ich auch scheiße, weil sie nicht mitdemonstriert haben.” Anfang der 90er-Jahre war er ununterbrochen in Berlin und Umgebung im “Kampf gegen Nazis” unterwegs. Wirklich entspannter wurde er dadurch natürlich auch nicht. “Wenn du dich zum Beispiel für Flüchtlinge einsetzt, bekommst du Schicksale mit, die dich hart machen. Und du merkst, wie du ständig gegen politische Mauern rennst.” Irgendwann sagte ein Kumpel zu ihm: “Du hast deinen Humor verloren.”

Jetzt, kurz nach seinem 50. Geburtstag im Dezember des vergangenen Jahres, lacht er viel mehr. Er distanziert sich gar nicht von seinen früheren Texten, “aber ich will nicht so tun, als ob ich so brennen würde wie damals”. Er freut sich, wenn stattdessen jüngere Bands seine Lieder covern. Seine heutigen Texte sind nicht weniger links, aber etwas weniger konfrontativ als früher. So ist Yok Gegner der Gentrifizierung in Berlin. Mit alten Freunden war er dabei, als im Februar eine Familie in der Lausitzer Straße zwangsgeräumt wurde – er ist selbst schon vor zehn Jahren wegen steigender Mieten von Kreuzberg nach Neukölln gezogen. Aber statt einer Kampfparole wie “Yuppies raus” singt er in einem neuen Lied namens “Gentrifa”: “Auch Leute, die ich kenne, haben Eigentum erworben, sind deshalb nicht total scheiße oder völlig blöd geworden.” Wenn es um Gentrifizierung geht, kriegt man von Yok weniger Schlachtrufe als Selbstzweifel. Woran erkennt man überhaupt einen Yuppie? Und was kann man dagegen tun? “Mollys?”, fragt er, “oder vielleicht nur Flugblätter?” – “Boah, ey, kompliziert”, heißt es dann in seinem Refrain.

Sein Buch “Punkrocktarif” beschreibt auch große, kleine Momente menschlicher Wärme in Berlin. Wie Yok zum Beispiel eine sturzbetrunkene Seniorin, die kaum reden kann, von ihrer Eckkneipe zu ihrem Garten bringt. Oder wie er sich freut, wenn ältere Mitbürger aus Spandau ihm erzählen, dass man nur ungültig wählen sollte, um zu zeigen, dass man die “Klotzköpfe” der Politik ablehnt. So will Yok eine “Schnittstelle” sein – zwischen den jungen Leuten, die bei einer Zwangsräumung am liebsten irgendwas abfackeln, und den grauhaarigen Nachbarn, die mit friedlichen Mitteln protestieren. Verstehen kann er beide. Denn er ist selbst, wie er in einem etwas traurig klingenden Lied singt, “old but punk”.

Text: John Riceburg

Foto: Nics

Yok: “Punkrocktarif. Mit dem Taxi durch die Extreme Mitte” Verlag Gegen_Kultur, 10 €, pocketpunk.so36.net

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-lesungen-und-buecher/yok-erlebnisse-eines-kutschers

Freunde aus Feindesländern

16 Jan

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Zwischen ihren Heimatnationen droht Krieg. Doch in Berlin haben junge linke Israelis und Iraner gemeinsam eine politische Gruppe gegründet: gegen die Kriegsrhetorik ihrer Regierungen in Nahost

Im vergangenen September lieferten sich die Regierungschefs von Israel und dem Iran ein Wortgefecht vor der Vollversammlung der UNO in Manhattan. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sprach von einem „Konflikt zwischen der Moderne und dem Mittelalter“. Und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad von „anhaltender Bedrohung durch den unzivilisierten Zionismus“. Konfliktrhetorik. Säbelrasseln.

Das Café Commune in Kreuzberg ist 6 000 Kilometer vom Sitz der Vereinten Nationen entfernt – politisch liegen in diesem speziellen Fall jedoch Welten zwischen beiden Orten.

Auch in Kreuzberg reden Israelis und Iraner über den Konflikt. Nur eben, und das ist der große Unterschied: miteinander.

Denn in Berlin haben sich junge Leute aus beiden Ländern zum Iranian-Israeli Circle (Iranisch-Israelischer Kreis) zusammengetan, der sich „gegen Krieg, Sanktionen, Besatzung und staatliche Unterdrückung“ wendet. Sie sagen von sich, weltweit der einzige derartige Kreis zu sein.

Wenn sich die Berliner Studenten Avner Ofrath aus Israel und Pazhareh Heidari aus dem Iran zusammen mit ihren Freunden in diesem Café treffen, treibt sie gleichfalls die Sorge um einen Krieg um. Doch nach ihrer Meinung profitieren gerade Netanjahu und Ahmadinedschad von der Kriegsgefahr: „Dieser sogenannte Konflikt ist in Wirklichkeit ein gemeinsames Interesse von beiden Regierungen, um von Unterdrückung und sozialen Problemen im eigenen Land abzulenken“, sagt zum Beispiel Ofrath.

Ein Dutzend junger Aktivisten – je zur Hälfte aus dem Iran und aus Israel – treffen sich alle paar Wochen in dem ausgeprägt linken Kreuzberger Café. In einem Hinterzimmer mit einer roten Tapete an der Wand diskutieren sie und planen Aktivitäten. Wenn sie auf die Straße gehen, dann mit Flugblättern auf Hebräisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Damit möglichst viele auch tatsächlich ihre Botschaft verstehen.

Es ist ja nicht so, dass alles daran völlig unumstritten wäre. Das kann bei einem derartigen Minenfeld wie dem Nahostkonflikt vielleicht auch gar nicht anders sein.

Ein Israeli geht auf die Straße

Der 26-jährige Avner Ofrath steht im kalten Nieselregen an einem grauen Novembertag vor dem Brandenburger Tor. An diesem Tag demonstrieren 50 Personen vor der amerikanischen Botschaft gegen beide Präsidentschaftskandidaten: den demokratischen Amtsinhaber Barack Obama und seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney. „Wir wollen beide Kandidaten daran erinnern, dass es unsere Leben sind, die sie gerade zum Stimmenfang verwenden“, ruft Ofrath auf Englisch ins Mikrofon. Seine Zuhörer sind Friedensaktivisten, einige von den seinerzeit vor dem Brandenburger Tor für Asylrechte protestierenden Flüchtlingen, die auch ein Grußwort auf Persisch halten, und jede Menge Touristen.

Warum ist Ofrath ausgerechnet nach Berlin gekommen? „Genau wusste ich es auch nie“, sagt der gebürtige Jerusalemer einige Tage später beim Gespräch mit dem tip im Café Commune. Mit seinem dunklen Strickpulli, seiner dicken Brille und seinem hebräischen Akzent, der manchmal fast wienerisch klingt, gibt Ofrath das perfekte Bild eines kosmopolitischen Intellektuellen ab, der in verschiedenen Sprachen über Philosophie streiten kann.

Schon in der Schule war er in linksliberalen Bewegungen aktiv gewesen, sammelte Unterschriften, schrieb Artikel für die linksliberale Zeitung „Haaretz“. Ofrath sagt: „Als ich im Jahr 2008 studieren wollte, sah es an den israelischen Universitäten düster aus.“ Die Professoren hatten drei Monate lang gestreikt, es ging um seit Jahren nicht erhöhte Gehälter. Ofrath machte sich auf den Weg nach Berlin, wo er nach einem Deutsch-Intensivkurs ein Geschichtsstudium an der Freien Universität aufnehmen konnte.

Schließlich hatte er bereits als Kind auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, denn seine Großmutter kam aus Berlin, bevor sie in den 30er-Jahren vor den Nazis nach Palästina floh. Daheim in Israel, sagt Ofrath, habe er nicht als politisch Radikaler gegolten. Im Gegensatz zu manchen Bekannten hat er beispielsweise den Wehrdienst nicht verweigert, obwohl er sich nicht gerade ein Leben als Soldat ersehnte. „An meinem letzten Tag als Zivilist habe ich geheult“, erzählt er. Weil er eine Sehschwäche hat, taugte er nicht für den Dienst an der Waffe. Stattdessen war er drei Jahre lang beim Radiosender der Armee.

In Deutschland ist Ofrath politisch aktiver geworden – nicht nur wegen seines Studiums und auch nicht, weil das Leben als „Expat“ einem „eine gewisse Ruhe“ zum Nachdenken gibt. „Erst in Berlin wurde mir klar, wie es sich anfühlt, in einer Minderheit zu sein. Das veränderte meinen Blick auf die palästinische Minderheit in Israel“, sagt er. „Ich war schon immer empört darüber, wie sie diskriminiert werden, aber nun konnte ich es fühlen und nicht nur denken.“ Dieses neue Gefühl der Solidarität, so erzählt Avner Ofrath, habe ihn dazu gebracht, öfter auf die Straße zu gehen. Und kürzlich hat sogar sein ehemaliger Arbeitgeber, das Armee-Radio, über seine Gruppe berichtet.

Eine Iranerin mag kein Mitleid

„Du warst bei der Armee?“, unterbricht ihn die Iranerin Pazhareh Heidari und lacht, während Ofrath im Café Commune erzählt.

In Israel kann ein Attest vom Psychologen reichen, um vom Dienst befreit zu werden. Im Iran muss man sich für viel Geld freikaufen. In Israel müssen auch Frauen zwei Jahre dienen. Im Iran werden nur Männer eingezogen. „Manchmal liebe ich Sexismus!“, lacht die 29-jährige Heidari sarkastisch.

Mit 17 Jahren kam sie nach Deutschland, jetzt steht sie kurz vor dem Abschluss ihres Maschinenbau-Studiums an der Technischen Universität. „Ich baue die Bombe“, sagt Heidari. Dann lacht sie wieder auf.

Man muss mehrfach nachfragen, ehe Pazhareh Heidari erzählt, weshalb sie den Iran verlassen hat. Es ist eine Geschichte, die nicht so recht zu ihrer lebensfrohen Art passen will. Sie bittet deshalb darum, diese nicht aufzuschreiben: „Ich will nicht, dass Leute Mitleid haben. Ich habe mich nie in einer Opferrolle gesehen, ich habe immer gekämpft.“

Nur so viel dazu: Noch als Minderjährige sei sie als Asylsuchende in Deutschland angekommen, erzählt Heidari. „Die ersten zwei Jahre verbrachten wir in einem Asylheim bei Frankfurt – zum Glück nur 30 Minuten mit dem Zug von der Stadt entfernt.“

Sie begann in Frankfurt als Kellnerin zu arbeiten – ein Verstoß gegen die Asylgesetze –, damit sie sich einen Deutschkurs leisten konnte. „Jeden Tag musste ich gegen die Residenzpflicht verstoßen, um zum Deutschkurs und später zum Abendgymnasium zu gehen.“ Noch während der Schulzeit bekam sie dann aber die Anerkennung als Flüchtling, womit sie dann legal ihr Abitur machen konnte. Bereits in dieser Zeit organisierte sie gegen den Irak-Krieg eine AG an der Schule und für eine große Friedensdemonstration zwei Busse nach Berlin.

Es waren jedoch Demonstrationen in ihrer Heimat, die ihr Leben verändern sollten: die Grüne Bewegung im Jahr 2009, die als eine Art Vorbote der arabischen Rebellionen gilt. „Zum ersten Mal seit der islamischen Revolution von 1979 gab es Hoffnung“, sagt Heidari. Millionen Menschen gingen damals gegen den Wahlbetrug des Mullah-Regimes auf die Straße – und nach der blutigen Niederschlagung kamen nicht wenige von ihnen nach Berlin. „Das Café Kotti“, eine weitere linke Location in der Nähe, „ist an den meisten Abenden voller Iraner“, erzählt sie.

Auch Pazhareh Heidari ist 2010 an die Spree gezogen, wo sie an vielen Protesten – und nicht nur mit Bezug zum Iran – teilnahm. So hielt sie beim Transgenialen Christopher Street Day im Sommer 2011 in Kreuzberg – einer antikommerziellen Alternative zur offiziellen Schwulenparade – eine Rede über die Situation von Homosexuellen im Iran. Dabei lernte sie auch den israelischen Anarchisten Boaz Lev kennen, der aus der Queer-Bewegung in Israel kommt.

Ein Anarchist hört Stimmen

Boaz Lev ist 26 Jahre alt und Student an der Humboldt-Universität. Mit seinem runden Gesicht und dem verschmitzten Lachen sieht er nicht aus, wie man sich einen Anarchisten gemeinhin vorstellt. Doch seit Jahren ist er ein strikter Gegner der israelischen Besatzungspolitik. Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht im tip lesen. Als er einmal von Berlin aus mit seiner Mutter telefonierte, habe ihn eine fremde Stimme unterbrochen und seine Nummer wissen wollen, erzählt er. „Wer sind Sie?“, sei seine Gegenfrage gewesen. Antwort: „Ich bin von der Telefongesellschaft und wir machen nur eine Kon­trolle.“ Später ging die renommierte israelische Journalistin Amira Hass, die Lev kontaktiert hatte, der Sache nach – die Telefongesellschaft macht so was natürlich nicht. llerdings ist Boaz Lev auch in der linken Szene Berlins nicht unumstritten – wegen der Sorge in Teilen davon, Kritik am Staate Israel könnte in Antisemitismus umschlagen.

Schon als Minderjähriger in Jerusalem hatte Lev als Mitglied der Gruppe Anarchisten gegen die Mauer versucht, die Zaunanlage rund um die palästinensischen Gebiete symbolisch zu beschädigen. Auf einen seiner Kumpels habe die israelische Armee damals sogar geschossen.

Nach dem Transgenialen Christopher Street Day liefen sich Pazhareh Heidari und Lev immer wieder bei Demonstrationen über den Weg. Als israelische Aktivisten im Frühjahr 2012 vor der Botschaft gegen den Verkauf von deutschen U-Booten an ihr Land demonstrieren wollten, hatte irgendjemand die Idee, dass es ein gutes Zeichen wäre, wenn ein paar Iraner zusammen mit den Israelis gegen den Waffendeal protestieren würden. Über persönliche Kontakte von der Uni kam ein erstes Treffen im April zustande. Es war sozusagen der Gründungsimpuls für den Iranisch-Israelischen Kreis.

Danach wollte eine große Mehrheit gleich auf die Straße gehen. Für den 5. Mai organisierte der neu gegründete Kreis eine Demonstration am Kottbusser Tor gegen Krieg und Sanktionen in Nahost, bei der rund 500 Menschen zusammenkamen.

Debatten und Gerüchte

Im vergangenen März, da war die Gruppe noch gar nicht gegründet, hatte es auf Facebook eine große Kampagne gegeben, bei der israelische Bürger erklärten: „Iraner, wir lieben euch, wir würden euer Land niemals bombardieren.“ Wenn man die Berliner fragt, ob sie etwas damit zu tun haben, klingen sie fast beleidigt. „Die Kampagne war sicherlich nicht böse gemeint“, sagt Boaz Lev, „aber ein bisschen naiv. Wir lieben uns zwar auch, aber für uns geht es in erster Linie nicht um Liebe, sondern um Widerstand.“

Ihre erste Demonstration im Mai blieb nicht unbeachtet, auch die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtete darüber. Aber der Aufruf dazu enthielt auch einige Argumentationen, die manch einer zumindest für diskussionswürdig, wenn nicht sogar pro­blematisch hielt. Da ist zum Beispiel von einem „nuklearen Hype“ die Rede und einem „Nein zu Sanktionen“ gegen den Iran, weil die nicht die Regierung, sondern die Bevölkerung treffen würden; auch von einem „Nein zum internationalen Beitrag zum Wettrüsten in der Region“, wobei konkret deutsche Waffenlieferungen an Israel kritisiert werden, das iranische Atomwaffenstreben allerdings allenfalls indirekt („Abbau aller nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen in der Region“) thematisiert wird, wie unter anderem auch einem Autor des Onlinemagazins „Telepolis“ auffiel. Und in der Zeitung „Jungle World“ waren Vorwürfe aus der Blogsphäre zu lesen, dass angeblich „Lobbyisten“ des Mullah-Regimes bei der Demonstration gesehen worden wären. Ein Vorwurf, den Pazhareh Heidari allerdings strikt von sich weist: „Wir sind doch alle linke Aktivisten!“, sagt sie. Sie habe aus dem Iran fliehen müssen – und keinerlei Sympathie für die islamische Republik.

In anderen Statements des Kreises ist dann in der Tat auch von einer „kriegstreiberischen Politik“, „totalitärer Repression“ und dem „Terror in dem Land“ durch das Teheraner Regime zu lesen.

In Nahost wäre so ein Kreis undenkbar

„Von unseren Familien und Freunden zu Hause wollen viele nicht verstehen, dass es in diesem Konflikt zwei Aggressoren gibt“, sagt Avner Ofrath, der Geschichtsstudent. Das Freund-Feind-Denken sei einfach zu stark. Aber trotz der permanent geschürten Angst vor dem Iran gäbe es auch viel Unzufriedenheit mit der israelischen Regierung. Im Jahr 2011 demonstrierten Hunderttausende Israelis gegen steigende Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit.

Jedenfalls ist in Berlin eine Gruppe entstanden, wie sie in den Herkunftsländern ihrer Teilnehmer undenkbar wäre. Der Israeli Lev sagt: „In Israel ist der Kontakt zu ‚feindlichen Agenten‘ verboten, und dieses Gesetz wurde schon gegen Aktivisten von sozialen Bewegungen angewendet.“ Und die Iranerin Heidari erklärt: „In unseren Pässen steht extra, dass wir nicht nach Israel reisen dürfen beziehungsweise nicht in das besetzte Palästina, denn nicht mal der Name Israel darf offiziell im Iran verwendet werden.“

Die Botschaften beider Länder in Berlin reagierten nicht auf Anfragen des tip zu der Gruppe.

Dass sich ein derartiger Kreis ausgerechnet in Berlin formierte, hat auch einen anderen Grund: Lebenshaltungskosten. „Reiche Iraner, die auswandern wollen, ziehen nach Los Angeles oder Paris“, erklärt Pazhareh Heidari. So landen weniger Wohlhabende und nicht zuletzt auch eher links tendierende Auswanderer aus dem Iran und aus Israel in Berlin. „Es sind doch alles unpolitische Spießer!“, sagt Avner Ofrath über seine Landsleute in der Stadt. Boaz Lev widerspricht nicht, doch er ergänzt: „Sie sind unpolitisch, aber trotzdem eher linksliberal und wenig religiös.“

Tatsächlich seien sie nur einmal bei einer Kundgebung von Israelis angefeindet wurden, erzählt Lev: „Und das waren Touristen.“

Text: John Riceburg
Fotos: Oliver Wolff

israelis-iranians-against-war.blogspot.de

Source: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/einzigartig-deriranian-israeli-circle-berlin