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Krauts und Rüben – English Comedy in Berlin

6 Jan

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Vor wenigen Jahren gab es eine Show pro Monat. Doch jetzt kann man ­täglich English Comedy in Berlin sehen. Ein Streifzug durch eine Szene, in der deutsche Berliner üben können, über sich selbst zu lachen – notgedrungen

Wedding, der Szenetreff Kikisol, ein Dienstagabend. Auf der Bühne steht ein junger Mann mit dünnem Schnauzbart und Schiebermütze. Er erzählt gerade, wie er auf dem Weg hierher einen Hipster in einer Bank gesehen und gedacht habe: “Oh Mann, der Bezirk geht den Bach herunter!” Aber dann hätte sich der Typ mit den altmodischen Klamotten und dem wüsten Vollbart zurück in seinen Schlafsack gelegt. Kein Hipster. Ein Obdachloser. Alles okay.

Lustiger Gag? Sicher. Noch lustiger ist es, wie ihn der Mann auf der Bühne, er heißt Stefan Danziger, tatsächlich erzählt. Nämlich auf Englisch. Obwohl er Deutscher ist. “On the way over here I saw a hipster guy – you know: with old clothes and a full beard – standing in a bank. Oh man, I thought, Wedding is going down the toilet! But then he got back in his sleeping bag. And I was like, whew, everything’s okay!” Das Publikum im Kikisol lacht hysterisch auf. Ein paar Dutzend junge Menschen, die auf Sofas, Stühlen und dem Boden sitzen. Studenten, Künstler, Touristen. Viele Expats. Ein sehr internationales Publikum.

Denn bei der Comedy-Show “The Nose”, immer dienstags im Künstlertreff am Nettelbeckplatz, läuft alles auf Englisch. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt einer vielfältigen Szene englischsprachiger Comedy in der deutschen Hauptstadt. Und sie wird immer größer. Ein Streifzug durch diese Szene ist ein überaus ungewöhnliches Vergnügen. Vielleicht kann man das ein bisschen mit Poetry-Slams vergleichen. Ohne ausgeschriebene Texte. Aber mit Peniswitzen.

Im Kikisol steht jetzt Perry Filippeos auf der Bühne, ein großer Schotte mit gigantischen Augenbrauen. Wenn er “p” und “o” in seinen Browser eintippe, so beginnt er, bekäme er als Vorschläge sowohl “Postbank” wie “Pornohub”: “Ich mache mir Sorgen, dass ich mir lieber schnell einen runterhole, als mich um meine finanzielle Situation zu kümmern.”

Jeden Tag eine Expat-Show

Vor fünf Jahren gab es eine einzige derartige Show pro Monat in Berlin. Jetzt findet sich fast jeden Abend irgendwo ein offenes Mi­kro. Zeitgleich mit “The Nose” läuft zum Beispiel dienstags eine Show in einem Rixdorfer Hinterzimmer, dem Sameheads in der Richardstraße. Ihr Name: “We are not Gemüsed”. Comedy im Siebenminutentakt. Mit Vollbart und Plastikbrille sieht Paul Salamone wie ein prototypischer arbeitsloser Grafikdesigner aus. Doch für seinen Nachtjob als “Gemüsed”-Unterhalter, gemeinsam mit seiner Kollegin Caroline Clifford, brennt der 36-jährige US-Amerikaner.

Kaum ist er vors Publikum gesprungen, hat er schon Gäste aus Österreich, Israel und Belgien anhand ihrer Akzente ausgemacht, sofort setzt es Witze über diverse nationale Klischees. Man kann das hier nicht aufschreiben, es würde ausgesprochen unanständig klingen. Aber live kommt es einem nicht chauvinistisch vor. Schließlich kriegen ja alle Nationalitäten ihr Fett weg.

Salamone wird später im Gespräch sagen, die Berliner Szene sei viel feministischer, queer-freundlicher und überhaupt toleranter als in den Hauptstädten der englischsprachigen Comedy, in New York, in London. Doch in Berlin kommen auch Themen zu Wort, über die Deutsche schwer lachen können. Wenn überhaupt. Geschmackssachen.

Zum Beispiel, wenn später am Abend im Sameheads Stephanie Tucci, eine jüdischstämmige Amerikanerin, erzählt, wie sie von Hipster-Freunden zu hören bekäme, sie sähe nicht cool genug aus. Sie solle sich tätowieren lassen oder die Haare abrasieren. “Ich weiß nicht”, antwortet sie. “Das ist so 1940!” Manchmal wirkt eine solche Show wie eine Selbsthilfegruppe für Neuberliner, die sich über falsche Vorstellungen der Touristen lustig machen. Ein ganz anderer Effekt stellt sich für die meist wenigen deutschen Berliner im Publikum ein. Wenn man plötzlich von den Neuberlinern aus dem Ausland den Spiegel vorgehalten bekommt. Wie die Amerikaner, die Briten die Deutschen sehen. Man lernt dann auch zwangsläufig, über sich selbst mitzulachen, mit all den anderen.

Wenn der Expats-Humor von einem Deutschen kommt, ist das natürlich noch eine zusätzliche Ironieschleife. An diesem Dienstagabend ist nämlich auch Stefan Danziger in Britz, der Mann mit der Schiebermütze und dem lockeren Tonfall des professionellen Stadtführers (“But please don’t say just: Führer”). Er beginnt so: “Ich bin ein deutscher Komiker – also immer sehr gut vorbereitet.” Heiterkeit im Hinterzimmer. Dann arbeitet sich Danziger auf Englisch mit dick aufgetragenem deutschem Akzent lustvoll durch viele deutsche Klischees.

Es sei ja bekannt, dass Deutsche an einer roten Ampel stehen blieben, auch wenn weit und breit kein Auto in Sicht sei. „Aber war die Mauer dann überhaupt nötig? Hätte man nicht einfach rote Ampeln aufstellen können, an denen die Ostberliner 28 Jahre lang gestanden hätten?“ Dann wäre einiges anders gelaufen. Ronald Reagan hätte gerufen: “Mr. Gorbatschow, schalten Sie auf Grün!” Dann sind Stefan Danzigers sieben Minuten vorbei. Die Show noch lange nicht.

Freude am eigenen Schaden

Ein Dienstag vor ein paar Wochen, nicht jedoch in einem Keller, sondern in einem „richtigen“ Comedy-Club: dem Kookaburra in Mitte. Der Beginn der “Gong Show” mit Tamika Campbell (die derzeit nicht im Programm des Clubs ist). “Das hier ist nicht wie in Deutschland”, sagt die schwarze Frau aus New York, die seit 15 Jahren in Berlin lebt, gleich zu Beginn ins Publikum hinein. “In Deutschland haben die Menschen Angst davor, dass sie die Gefühle der Comedians verletzen könnten.” Comedy auf Englisch funktioniere anders. Die Leute sollten buhen, wenn ihnen die Komiker nicht gefielen: “Denn nur so werden sie besser!” An diesem Abend tritt ein halbes Dutzend Comedians gegeneinander an. Nach dem Vorbild einer Fernsehserie aus den 70ern haut Campbell auf einen großen Gong, wenn Buhrufe kommen, dann ist der nächste Komiker dran. Zwei werden schon nach wenigen Minuten von der Bühne verjagt.

“Comedy ist eigentlich überall gleich”, glaubt Sanjay Shihora, Besitzer des Kookaburra. Seit 25 Jahren ist der gebürtige Inder im Geschäft. Er trat schon in London, Paris und Tokio auf, bevor er den Laden in Berlin-Mitte aufmachte. “Überall geht es um Schadenfreude.” Nur ist es bei englischsprachiger Comedy meist eben: die Freude am eigenen Schaden. Viele Gags sind voller brettharter Selbstironie, bis zum Anschlag. Freundlich ausgedrückt: Es gibt sehr viel selbstkritische Reflexion.

Da gilt dann auch die Faustregel: Wenn du einen Witz über schlechten Sex machst, muss es um deine eigene sexuelle Unfähigkeit gehen, nicht die anderer. Für Deutsche ist das ohnehin gewöhnungsbedürftig. Besonders aber für jene Lehrer der 60 Gymnasiasten aus der hessischen Provinz, die an diesem Abend ihre Klassenfahrt mit der “Gong Show” verschönern wollen. Schon in der Pause entscheiden sie: Alle Schüler müssen jetzt gehen. „Meine Kollegen und ich finden es ja gut,“ sagt eine Lehrerin, die nicht namentlich zitiert werden möchte, “aber was werden die Schüler erzählen, wenn sie wieder zu Hause sind?”

Das Publikum liebt Nazi-Witze

Zurück im Kikisol im Wedding. Wieder ein Deutscher. Georg Kammerer, Regiestudent aus Karlsruhe mit großem Bauch, langen Haaren und schwarzem Sakko, arbeitet sich auch gerade an dem bei den Expats beliebten Dauerthema der deutschen Nazi-Geschichte ab. “Schade, dass das Grundgesetz Angriffskriege verbietet”, ulkt er. “Denn Kriege anzufangen, ist ziemlich das Einzige, was wir wirklich gut können. Kriege zu gewinnen, ist natürlich eine andere Sache …” Der Witz hört sich auf Deutsch natürlich reichlich krude an. Auf English aber ist es der Brüller. Jedenfalls im Kikisol.

Kammerer hat noch nie in einem englischsprachigen Land gelebt, tritt aber nur auf Englisch auf, da seine Comedy-Vorbilder in erster Linie aus den USA kommen. Bei “The Nose” kann er auch locker sieben Minuten lang alle lustigen Details über eine Operation im Genitalbereich erzählen. Altersgerecht für die Zielgruppe. “Bei einer deutschen Comedy-Show wären hauptsächlich Menschen über 40”, sagt er im Gespräch mit dem tip. “Wie soll ich denen Witze über Sex auf Ecstasy erzählen?” Aber nicht nur das eher jugendliche Alter des Publikums unterscheidet eine deutsche von einer englischsprachigen Comedy-Show. Auch zum Beispiel die Trinkkultur. Die Amerikaner geben sich schon zu Beginn ordentlich die Kante. Deutsche sind, wenn überhaupt, erst am Ende betrunken. So können Letztere noch politischen Witzen folgen, während ein englischsprachiges Publikum in Bierlaune längst dreckige Witze fordert.

Aus Liebe zur Kunst

Wie gut ist die englischsprachige Comedy in Berlin wirklich? Paul Salamone, der “Gemüsed”-Moderator, glaubt, dass die hiesige Szene noch lange nicht auf dem Niveau von New York City oder London sei. “Wir machen es aus Liebe zur Kunst”, sagt er. Denn zurzeit könne niemand davon leben, deswegen sei die Atmosphäre locker. Bei jeder Show träfe man dieselben Leute, die sich gegenseitig ihre Fortschritte bei der Ausarbeitung ihrer Witze erzählten.

Aber mit dem Comedy-Angebot wächst auch die Nachfrage. Das sieht man zum Beispiel bei Shows mit offenem Mikro, offen für jegliche Talente. Bei den meisten muss man sich mittlerweile vorher anmelden, manchmal ist die Warteliste mehrere Wochen lang. Passun Ernesto Azhand, ein deutsch-afghanischer Comedian, ist ein Künstler aus der Szene, der auch im Quatsch Comedy Club auftritt. Dort mit deutschsprachiger Performance. “Auf Deutsch kannst du mehr verdienen”, sagt Azhand. “Aber auf Englisch lernst du mehr.”

Text: John Riceburg

Veranstaltungen, Orte, Termine

The Nose Kikisol, Reinickendorfer Straße 106, Wedding, jeweils Di, 20.30 Uhr, http://www.facebook.com/thenoseberlin

We are not Gemüsed Sameheads, Richardstraße 10, Neukölln,jeweils Di, 20.30, http://www.facebook.com/gemused

Comedy im Kookaburra Comedy Club Schönhauser Allee 184, Mitte, http://www.comedyclub.de; Veranstaltungen u. a.: “English Comedy Night” with

Kim Eustice and guests, jeden ersten Di im Monat; “Comedy Sportz” (Live improvised Show), jeden 2. und 4. Di im Monat

Weitere English-Comedy-Veranstaltungen

Buzz Club Lagari, Pflügerstraße 19, Neukölln, jeweils So, 21 Uhr, http://www.facebook.com/buzzclubberlin

The Neukölln Confessional Myxa Café, Lenaustraße 22, Neukölln, jeden letzten Mi im Monat, 20.30 Uhr, http://www.facebook.com/TheNeukollnConfessional

The Fish Bowl Naherholungssternchen, Berolinastraße 7, Mitte, jeden 2. Do im Monat, 20 Uhr, http://www.thefishbowl.de

Quatsch in English Quatsch Comedy Club, Friedrichstraße 107, Mitte, nächster Termin: Trevor Noah “The Racist”, Mi 15.1., 20 Uhr,

http://www.quatschcomedyclub.de/trevornoah

Alle Termine im Überblick (inlc. Podcasts) http://www.comedyinenglish.de

Quelle: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit/krauts-und-ruben-english-comedy-in-berlin

Foto: Oliver Wolff